Seligpreisungen und Wehe-Rufe: Glück im christlichen Sinn

Predigt zum Nachlesen von P. Robert Deinhammer SJ, 16. Feber 2025

Symbol

Was ist ein gutes Leben? Worin besteht das Lebensglück, der Sinn unseres Lebens? Für Viele ist das klar. Das Leben ist gut, wenn man beruflich und privat erfolgreich ist, wenn man sich durchsetzen kann im Konkurrenzkampf, wenn man Karriere macht und anerkannt wird von den anderen, wenn man dazugehört zu den wichtigen Leuten. Das Leben ist gut, wenn man gesund ist und fit und fröhlich, wenn man sich etwas leisten kann, einen schönen Urlaub zum Beispiel oder die Eigentumswohnung in Innsbruck oder vielleicht das Studium der Tochter in St. Gallen. Das Leben ist gut, wenn unsere Bedürfnisse befriedigt sind und wir abgesichert sind vor den vielen Gefahren, die uns drohen. Das gute Leben ist das abgesicherte Leben, notfalls auch abgesichert auf Kosten und zum Schaden anderer.

Jesus sieht das völlig anders. Weh euch, ihr Reichen und Satten, weh euch ihr Abgesicherten, weh euch, ihr ach so Fröhlichen, weh euch, wenn euch alle Menschen loben, weh euch! Solche Rufe scheinen nicht in unser Bild von Jesus zu passen. In der Kirche erwartet man eher kuschelige Sätze, die uns nicht allzu sehr in Frage stellen. Aber Wehe-Rufe? Das klingt nach Drohbotschaft. Und die hört man nicht gern, vielleicht noch am ehesten von der letzten Generation, aber auf keinen Fall von machtbesessenen Klerikern. Doch Jesus ist nicht kuschelig, er ist kein Teddybär. Er ruft zur Umkehr, er ruft die Menschen in die Entscheidung. Uns ruft er in die Entscheidung, auch hier und heute. Woran hängt unser Herz? Was beten wir an? Worauf vertrauen wir? Auf Gott oder auf irgendwelche Götzen?

Jesus stellt die Logik der Welt auf den Kopf. Der Sinn des Lebens, das Lebensglück, besteht nicht im materiellen Reichtum, in der Karriere, im gesellschaftlichen Aufstieg, im Gelingen unserer Pläne, in all den Dingen, die uns so heilig geworden sind. So kann man das Leben auch verfehlen, man kann Gott verfehlen und damit den Sinn des Lebens. Jesus öffnet uns die Augen für ein neue Sichtweise. Und er stellt uns damit in die Entscheidung. Der Text aus der sog. Feldrede im Lukasevangelium erinnert uns daran, dass es bei Glauben und Unglauben um eine ernste Entscheidung geht mit weitreichenden Konsequenzen. Die christliche Botschaft ist eben nicht so etwas wie ein religiöses Beruhigungsmittel. Wir sollten eher unruhig werden. Sind nicht auch wir mit den Wehe-Rufen gemeint? Oder können wir uns in den Armen und Trauernden und Verfolgten wiederfinden, in den Menschen, die wegen des Glaubens an Jesus Nachteile auf sich nehmen?

Jesus, der ewige Sohn Gottes, gleichen Wesens mit dem Vater, er ist zugleich der menschlichste aller Menschen, er ist so, wie Gott sich den Menschen eigentlich gedacht hat. Und als solcher ergreift er Partei für die Benachteiligten und am Rande Stehenden. Er selbst lässt sich an den Rand drängen, aus seiner Religion ausschließen und beschimpfen und am Ende ans Kreuz nageln. Ein verfolgter und zu Tode geschundener, grausam hingerichteter junger Mann ist wohl kaum das Musterbespiel eines glücklichen Lebens so wie es die Welt sehen würde. Aber der Gekreuzigte am Rand, er wird in seiner Auferstehung zur Mitte der Kirche.

Die Seligpreisungen sind und bleiben eine Zumutung. Da werden Menschen selig gepriesen, die arm, hungrig, trauernd sind, die verfolgt, beschimpft, gemobbt werden. Da werden Menschen, für die wir eher Mitleid empfinden sollten, glücklich genannt. Das hört sich zynisch an: Glücklich seid ihr Behinderten, ihr Obdachlosen, ihr Abgehängten, ihr Depressiven. Freut euch und jubelt! Kann das gemeint sein? Wollte Jesus sich über diese Menschen lustig machen? Wie hören sich die Seligpreisungen für diese Menschen eigentlich an?

Jesus sagt aber gar nicht, dass sie sich über ihre Not freuen sollen, oder über ihren Hunger. Jesus sagt auch nicht, das Glück liege im Weinen und im Gehasstwerden von anderen. Er spricht von der Zukunft: ihr werdet satt werden; ihr werdet lachen. Er schenkt ihnen eine Glaubensperspektive. Sie können all das Unerträgliche annehmen, ertragen, weil sie diese Glaubensperspektive haben und in ihrer Armut und ihrem Unglück nicht ihre letzte Gewissheit sehen. Es ist diese Perspektive, die sie am Leben nicht verzweifeln lässt und im tiefsten ihr Glück ausmacht. Jesus weiß, dass diese Armen und Trauernden nur deshalb an ihrem Schicksal nicht zerbrechen, weil sie Glauben haben. Und bei den selbstzufriedenen Reichen und Satten erkennt er, dass ihr Unglaube und ihre Angst sie daran hindert, menschlich zu sein und ihren Überfluss zu teilen. Sie haben keine Glaubensperspektive, die ihre Angst um sich selbst entmachtet. Diese Glaubensperspektive kann sich kein Mensch selber geben. Man muss sie sich schenken lassen. Von Jesus, von anderen Glaubenden, von Menschen, die diese Perspektive bereits leben. Der Glaube kommt vom Hören auf das Evangelium.

Jesus hat sich auf die Seite der Verlierer gestellt, weil er auf Gott, seinen Vater, vertraute. Und er stellt alle in die Entscheidung, das auch zu tun. Dazu lädt Jesus uns mit seiner Botschaft ein. Er will uns hineinnehmen in sein Verhältnis zum Vater. Glauben bedeutet, Anteil bekommen an der Gemeinschaft Jesu mit Gott. Wer diese Gemeinschaft mit Gott im Glauben erkennt, gewinnt eine Perspektive der Ewigkeit. Es ist der Mensch, von dem auch Jeremia in der Lesung spricht: „Gesegnet der Mensch, der auf den Herrn vertraut und dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und zum Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün (...)." Nicht einmal der Tod kann uns trennen von der Liebe Gottes. Denn Gott ist der in allem Mächtige.

Wer diese Perspektive hat, wer sich für den Gott Jesu entscheidet, der ist wahrhaft selig zu preisen. Er kann sich an allem freuen, an allem Guten in dieser Welt, an seiner Gesundheit, an seiner Familie, an seinen Erfolgen, und braucht doch nicht zu verzweifeln, wenn er das alles einmal verliert. Denn das letzte Glück liegt nicht in diesen Dingen, sondern in der Gemeinschaft mit Gott, schon hier und jetzt, aber auch in alle Ewigkeit. Glücklich der Mensch, der gelassen sein kann, der loslassen kann, weil er ganz auf Gott vertraut. Amen.

 

P. Robert Deinhammer SJ


 

Bild: Zack Reiner via unsplash.com

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