Predigt zum Aschermittwoch

von P. Dominik Markl SJ, 5. März 2025

Symbol

Schubu 'adai bechol lebabchem ubzom ubibchi ubmisped
Kehrt um zu mir mit ganzem Herzen, mit Fasten, Weinen und Klagen!
Weqir'u lebabchem weal bigdechem
Und zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider!

Zerreißt eure Herzen! Ein dramatischeres Bild könnte man kaum finden für Verzweiflung, Angst, für inneren Schmerz, aber auch für innere Öffnung, für die Bereitschaft, sich berühren, bewegen zu lassen.

Schwestern und Brüder, mit dem Aschermittwoch beginnen wir die vierzig Tage der Vorbereitung auf die Feier des Leidens, des Sterbens und der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. Das Thema, auf das wir zugehen, ist das Thema der tödlichen Bedrohung des Lebens. Das ist, wie wir schmerzlich wissen, das Thema dieser Tage. Wir erwachen in einer neuen Unkultur der politischen Ruchlosigkeit: imperialistische Despoten schlagen wild um sich in politischer Verantwortungslosigkeit, brechen militärische und wirtschaftliche Kriege vom Zaun, bedrohen das Leben unzähliger Menschen. Nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Europa in einer bedrohlicheren Lage, spätestens jetzt müssen wir erwachen. Die Europäische Union stellt Unsummen von Geldern für die militärische Aufrüstung bereit. Das mag jetzt politisch notwendig sein, aber das kann, das darf nicht die einzige Antwort sein, die wir hier in Europa bereit haben.

Wir brauchen auch eine innere Umkehr, für die der Aschermittwoch, die Fastenzeit uns willkommenen Raum gibt. Sie gibt uns Zeit, unsere Sorgen und Ängste, die wir in dieser neuen Lage der Welt zurecht haben, wahrzunehmen. Sie nicht latent im Hintergrund zu halten, sondern uns zu öffnen: „zerreißt eure Herzen!" Denn unterdrückte Angst ist lähmend. Angst kann aber auch wachrütteln und produktiv sein, wenn wir sie herauslassen und uns öffnen für Ressourcen der Kraft, der Gnade.

Unser Rektor Pater Christian Marte hat Alwin Hecher, einen 26 jährigen Illustrator aus Wattenberg, eingeladen, sich von der unglaublichen Geschichte der Leokadia Justman inspirieren zu lassen, die Niko Hofinger und ich kürzlich als Buch publiziert haben – Brechen wir aus! – und das Fastentuch zu schaffen, das nun unseren Hochaltar verhüllt. Die polnische Jüdin Leokadia Justman kam 1943 unter falschem Namen nach Innsbruck, ein Jahr lang arbeitete sie mit ihrem Vater in der Lodenfabrik in der Reichenau, bis sie verraten wurden. Ihr Vater Jakob wurde im April im Lager Reichenau ermordet, sie selbst kam ins Polizeigefängnis beim Bahnhof. Dort arbeitete sie in der Küche und lernte Erwin Lutz kennen. Erwin Lutz ist die Figur, die das erste Bild links oben inspiriert hat. Es ist das Aschermittwochsbild – zum Thema der Bekehrung. Es zeigt den Kampf zwischen bösen und guten Mächten.

Erwin Lutz war Südtiroler. In den 1930er Jahren war er arbeitslos und ließ sich von der SS anwerben. Nach dem Anschluss 1938 wurde er Polizist in Innsbruck, verstand aber mit der Zeit, dass die nationalsozialistische Ideologie ein Gespinst von Lügen ist. Ab Mai 1944 war er für die Versorgung des Polzeigefängnisses mit Lebensmitteln zuständig. Justman beschreibt, wie er sich mit geradezu kindlichem Eifer bemüht, möglichst gutes Essen für die politischen Gefangenen und die Jüdinnen aufzutreiben. Den Vorarlberger Ernst Emhofer, der von der Gestapo schwer gefoltert worden war, nimmt er zum Einkaufen in die Stadt mit und versucht ihn zu überreden, zu fliehen. Leokadia Justman sagt er auch, sie soll ausbrechen, und er gibt ihr seine Wohnadresse in der Südtiroler Siedlung im Pradl, Ahornhof 3. Mit jeder dieser Handlungen setzt er sein eigenes Leben aufs Spiel. Die Jüdinnen können das kaum glauben, sie fragen ihn: „Wie kann das sein, Sie sind SS-Mann, und gleichzeitig setzten Sie sich für unser Leben ein?" Erwin Lutz windet sich vor Schmerz, wie er ihnen erklärt, dass er den Wahnsinn des Nationalsozialismus erkannt hat und nun gleichsam Buße tut, um seine frühere Gesinnung wieder gut zu machen. Ein unheimlich starkes Beispiel für Umkehr. Für ein zerrissenes Herz.

In Alwin Hechers Bild ist Erwin Lutz von schwarzen Dämonen umgeben, anonyme Gestalten, die ihn mit großen Augen bedrohlich beobachten. Doch von außerhalb des Bildrandes her, wie aus einer anderen Welt, durchdringt ihn ein Strahl blauer Blumen – eine geheimnisvolle Macht des Guten, die ihn fähig macht, den hilfesuchenden Menschen, die selbst in einem Lichtraum stehen, die Hand auszustrecken. Indem er sich zum Guten bekehrt und Hilfe anbietet, ist es eigentlich er selbst, der gerettet wird. Die geheimnisvolle blaue Blume könnten wir in der Sprache des Glaubens die göttliche Gnade der Bekehrung nennen. Alwin Hecher hat sich von Leokadia Justmans Überlebensgeschichte inspirieren lassen. Sein Fastentuch lädt uns ein, uns von seiner jugendlichen Bildsprache inspirieren zu lassen. Die fünf Szenen thematisieren die Werke der Barmherzigkeit, in die wir uns in dieser Fastenzeit vertiefen wollen: Bedrohte beschützen. Gefangene besuchen. Verzweifelte stärken. Verfolgte aufnehmen. Verstorbene begraben.

Ignatius von Loyola, unser Ordensgründer, spricht in seinen geistlichen Tagebüchern oft von der Gnade der Tränen. Es sind besondere Momente, wenn Emotion in uns durchbricht, wenn sich unser Herz auftut, aufgestaute Ängste und Sorgen fließen können, das kann ein Moment der Gnade der Bekehrung sein. Wenn Sie sich die Gnade der Tränen wünschen, kann ich Ihnen Leokadia Justmans Buch für diese Fastenzeit ans Herz legen. Wenn wir jetzt das Symbol der Asche empfangen, öffnen wir unser Herz und bitten wir Gott, uns mit der Gnade der Bekehrung zu beschenken. Es muss nicht jeder sehen, wenn wir uns von den Werken der Barmherzigkeit inspirieren lassen. Kaum jemand soll es sehen, wenn uns die Gnade der Tränen geschenkt wird. So spricht Gott: „Kehrt um zu mir mit ganzem Herzen."

P. Dominik Markl SJ


Bild: Lyn C via unsplash.com

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