Ich bin sicher, Sie erinnern sich an gelungene Begegnungen.
Begegnungen haben eine große Kraft.
Wenn sie von Echtheit, Aufmerksamkeit und Wertschätzung geprägt sind, dann kommt nicht nur ein Gespräch zustande, dann geschieht weit mehr.
Lasten werden leichter, Verhärtetes wird weich, Festgefahrenes löst sich. Neue Perspektiven tun sich auf. Verschüttetes kommt zum Vorschein, kann sich entfalten. Vertrauen wächst, Vertrauen in sich, in andere, in Gott.
Wirkliche Begegnung bewirkt Veränderung.
Durch sie kommen wir uns näher. Wir fühlen uns mehr wie wir selbst.
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn wir die Bibel aufschlagen, dann finden wir dort viele Berichte von Begegnungen Jesu.
Begegnungen Jesu mit Männern, Frauen und Kindern, mit Einheimischen und Fremden, mit Gebildeten und Ungebildeten, mit Gesunden und Kranken, mit Gerechten und Sündern, mit Anhängern und Gegnern.
Allen begegnet Jesus, allen begegnet er wirklich.
Er ist präsent, ganz im hier und jetzt, ganz bei dem Menschen, der vor ihm steht, sitzt, liegt.
Er nimmt ihn wahr, seine Wünsche, seine Sehnsüchte, seine Hoffnungen, seine Sorgen, seine Ängste, seine Freude, seine Not.
Er lässt zu, dass er ihm nahe kommt und er kommt ihm nahe.
Er lässt sich von ihm berühren und er berührt ihn – oft auch ganz konkret.
Jesus ist ein Meister der Begegnung. Er beherrscht, wie selten jemand, die Kunst, Menschen wirklich zu begegnen.
Er sieht das, was ist, aber er sieht nicht nur das. Er sieht auch das, was möglich ist – was andere nicht sehen.
Dadurch ermöglicht er den Menschen, mehr das zu werden / sein, was sie sind.
Im Evangelium heute haben wir von er Begegnung Jesu mit Simon, Andreas, Jakobus und Johannes gehört.
Für diese Fischer am See von Galiläa war es wohl ein ganz besonderer Moment, ein Moment, der ihr Leben für immer verwandelte.
Als Jesus vorbei geht, richten sie gerade im Boot ihre Netze her bzw. werfen sie aus. Er sieht sie, er spricht sie an, er ruft sie. Sie lassen alles liegen und stehen und gehen zu ihm, ihm nach.
Er sah sie ... heißt es.
Jesus sieht sie. Aber, er sieht nicht nur, was sie jetzt sind, er sieht, was sie werden können / sollen. Er sieht, was / wer sie eigentlich sind.
Kommt her, mir nach! sagte er zu ihnen.
Jesus spricht sie an, er ruft sie, er holt sie in seine Nähe.
Er eröffnet ihnen damit eine neue Perspektive, schließt innere Räume auf, bringt sie in Kontakt mit ihrer tieferen, wahren Identität.
Damit lädt er sie ein, sich auf einen Wandlungsprozess einzulassen, lädt sie ein, zu werden, was sie sind.
Sofort, so steht es im Text, sofort ließen sie ihre Netze liegen, sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus nach.
Sie nehmen die Einladung Jesu an, sie lassen sich auf die Beziehung mit ihm ein, sie sind bereit, sich in das verwandeln zu lassen, was sie sind.
Für mich wird an dieser Begegnung deutlich, worum es Jesus im Grunde geht und was das Zusammensein mit ihm bewirkt:
Simon, Andreas, Jakobus und Johannes sollen nicht einfach nur den Beruf wechseln, Jesus will, dass sie jemand anderer werden, letztlich der, der sie immer schon sind. Er will sie in das Licht des Anfangs heben, er will, dass sie Bild Gottes werden, Bild Gottes, das sie sind. Und, dass sie so an seiner Mission teilhaben, bereit und fähig, in Menschen auch diese Wandlung zu bewirken.
Liebe Schwestern und Brüder,
die Bibel ist das Buch, in dem Vergangenheit Gegenwart wird / ist.
Begegnung mit Jesus, die gibt es auch heute.
Auch heute geht er entlang an unseren Arbeitsplätzen, Wohnungen, Freizeitstätten. Auch heute begegnet er uns – in Worten der Heiligen Schrift, in unserem Inneren und außen, in Menschen, in Situationen, in Umständen.
Wir alle, jede und jeder von uns, ist geschaffen als Bild Gottes.
Dieses Bild ist aber verdunkelt.
Es muss wiederhergestellt werden.
Jesus ist gekommen, um das zu bewirken. Er will, dass es wieder aufleuchtet, aufleuchtet für immer.
Er, das Leben, weckt unsere Sehnsucht nach uns selbst, die Sehnsucht bei uns anzukommen, in unserem wahren Sein.
Die Begegnung mit ihm setzt diesen Prozess in Gang.
Um der, um die zu werden, der / die wir sind, um das Bild Gottes, nach dem wir geschaffen sind, wieder zum Leuchten zu bringen, dazu müssen wir aber die Bilder, die andere von uns gemacht haben und machen, die Bilder, die auch wir selbst von uns gemacht haben und machen, unsere Identifizierungen damit nach und nach loslassen.
Nachfolge Jesu ist ein Verwandelt-Werden in das ,was ich im Grunde bin, schon bin, ein Enthüllt-Werden meines wahren Wesens, ein Entdecken meines göttlichen Seins.
Indem das geschieht, wird die Welt heller und Reich Gottes ist nahe.
Amen.
P. Bernhard Bürgler SJ
Bild: Gytis M via unsplash.com