1. In dieser Fastenzeit werden uns drei lange Geschichten aus dem Johannesevangelium vorgetragen. Am letzten Sonntag war es die Geschichte von der Samariterin am Jakobsbrunnen, heute ist es die Geschichte vom Blindgeborenen, am nächsten Sonntag wird es die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus sein. Haben diese Geschichten etwas gemeinsam? Ja. Alle drei sind Glaubensgeschichten. In allen dreien geht es um Menschen, die zum Glauben an Jesus Christus, den Messias, finden. Aber was bringt sie zu Jesus? Bei der Samariterin ist es die Wahrheit über ihre zerbrochenen Beziehungen, ihr Durst nach einer erfüllenden Liebe; beim Blinden ist es eine Behinderung von Kindheit an, ein langes Leiden; bei Lazarus ist es der Schock des Todes eines geliebten Menschen, wenn man sich die Frage stellt: Was ist nun mit ihm? Wo ist er? Und wie werden wir leben können ohne ihn?
Dies ist bereits ein erster Hinweis.
2. Blicken wir nun etwas näher auf die Geschichte des Blinden! Er ist von Geburt an blind. Jesus macht einen Teig, streicht ihn auf seine Augen und fordert ihn auf: „Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach!" Er hat nur dieses Wort. Er sieht noch nicht. Blind macht er sich auf den Weg. Vielleicht kommen ihm unterwegs Fragen und Zweifel: Was soll das? Warum zum Teich Schiloach und nicht gleich zum Brunnen um die Ecke? Aber er lässt sich auf Jesu Wort ein. Er geht den Weg als Blinder. Erst am Ende kommt die Berührung Jesu ans Ziel.
Das ist ein zweiter Hinweis: In einer Hinsicht bin auch ich blind geboren, gottblind, könnte man sagen. Ich sehe ihn nicht. Das Evangelium Jesu Christi wird mir angeboten. Aber es drängt sich nicht auf. Es gibt keine sicheren Beweise. Vielleicht kalkuliere ich wie in Blaise Pascals Wette: Wenn ich nicht glaube, könnte ich wertvolle Güter verlieren. Wenn ich hingegen glaube, verliere ich nichts. Wahrscheinlich gewinne ich schon jetzt. Denn die Werte, zu denen mich das Evangelium ermutigt wie Nächstenliebe, Vergebung, sind immer wertvoll. Glauben heißt, sich auf Jesu Wort einlassen. Ich lasse mich darauf ein. Wie der Blinde mache ich mich auf den Weg. Und die eine oder andere Bestätigung kommt, nachdem ich mich auf den Weg gemacht habe: vielleicht ein Trost, der mich stärkt, eine Ermutigung, dran zu bleiben, eine Hoffnung, kleine Zeichen.
3. Schließlich geht es um die Frage: Wer ist Jesus? In Etappen und vielen Gesprächen entwickelt sich die Sicht des Menschen, der blind war. Zuerst redet er einfach nur von dem „Mann, der Jesus heißt", dann nennt er ihn einen „Propheten", dann einen Menschen, „der von Gott ist". In der Auseinandersetzung und Streitgesprächen über Jesus wächst seine Erkenntnis. Aber entscheidend ist der letzte Schritt. Er redet nicht mehr über Jesus, sondern mit ihm. Es entwickelt sich ein persönlicher Dialog:
„Glaubst du an den Menschensohn?"
„Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube?"
„Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es."
„Ich glaube, Herr!"
Und er warf sich vor ihm nieder.
Dies ist ein dritter Hinweis. Ich fange an, mit Jesus zu reden. Ich führe Dialog mit ihm, einen persönlichen Dialog. Ich teile mich ihm mit. Ich erlebe, dass ich vor ihm dasein darf, wie ich bin, mit meiner ganzen Geschichte, dem Schönen und dem Schrecklichen. Und ich bitte: „Herr, teile auch du dich mir mit! Lehre mich in der Stille deiner Gegenwart zu verstehen, wer du für mich bist und wer ich für dich bin!" Ignatius von Loyola spricht von „intima cognitio", einer intimen Erkenntnis. Es ist ein Empfangen und Schenken. Ich werde hineingeführt in den Raum der Stille, den Raum der Gegenwart Gottes: „Ich bin da". Es sind jene kostbaren Momente, in denen einem die Augen aufgehen, Momente der Verehrung und Anbetung.
P. Bruno Niederbacher SJ
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