„Österliche Augen“ und die Alltagsrationalität

Predigt von Prof. Józef Niewiadomski, 19. April 2026

Symbol

Joh 21,1-14 

Moderner geht es kaum. Zumindest auf den ersten Blick. Die Mander ackern sich ab, sie schuften und schuften. Meistens ohne Erfolg. Wiederum die ganze Nacht gefischt. Gefischt, heute genauso wie gestern, gestern wie letzte Woche. Und das Ergebnis? Null! Oder gleich Null. Weiterwursteln oder hinschmeißen? Die Boote und die Netze. Familie verlassen, Kontakte abbrechen, emigrieren und noch einmal woanders anfangen. Einen radikalen Neubeginn wagen?

Wie schon damals vor drei Jahren, als sie dem fremden Mann nachgefolgt sind. „Menschenfischer" sollten sie werden. Massenlieblinge, Jungs, die die Maßstäbe setzen, Erfolg haben, glücklich sind. Auf jeden Fall auf dem Weg nach oben. Erfolgskurs im Fahrwind ihres Idols. Monatelang sind sie mit ihm durch das Land gezogen, haben Massen gesehen, die ihm zugejubelt haben. Es war doch so leicht zu glauben an das, was er erzählt hat, so leicht zu vertrauen: dem Gott von dem er sprach. Angesichts des Erfolgs sind ja die Hoffnungen klar bilanzierbar. Die Zukunft wäre geritzt gewesen, weil doch Gott selber mit ihnen war. Verglichen mit dem tristen Fischereidasein im letzten Provinznest war dieser Masterlehrgang in Sachen Menschenfischerei, in Sachen Nachfolge und Glaube, das war schon eine aufregende Sache.

Und dann der Absturz, die Begeisterung der Massen schlägt in das Gegenteil um. Der Wind bläst fortan nur noch direkt ins Gesicht; eine Panne nach der anderen. Ein Fall kommt ja selten allein. Die Plausibilität des Glaubens schwindet, wie die Hoffnungen, die nicht mehr klar bilanzierbar sind: Auf dem sinkenden Schiff! Nicht nur die Ratten flüchten da. Gestern noch brave Jungs, Lehrlinge und ergebene Meisterkandidaten für das Apostelamt, heute feige Verräter. Hals über Kopf weggerannt. Zurück zu den halb verfaulten Booten und zum alten Job mit der verdammten Fischerei. Tag ein, Tag aus: derselbe Trott, jede Nacht hinausfahren und den mageren Fischfang einfangen. Zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Scheißjob!

So auch heute Nacht. Schon wieder leer ausgegangen. Doch da kommt der Fremde vorbei und schaut den Enttäuschten zu. „Hey Mander, probiert doch mal anders, probiert von der rechten Seite!" Der Fremde ist innovativ, empfiehlt etwas, was man eigentlich noch nicht gemacht hat. Obwohl? Am Morgen hinausfahren, Netze auswerfen, zum Zeitpunkt, wo andere schon heimwärts unterwegs sind. Was sagen da die Nachbarn. Die Konkurrenz lacht sich doch tot. Doch, was hat man schon zu verlieren. Also los. Das ausgeworfene Netz kann kaum ins Boot eingeholt werden. So voller Fische ist es. Was liegt da näher als eine Party, würde der moderne Zeitgenosse sagen. Gleich am Strand, eine Grillparty anlässlich des rauschenden Erfolgs.

Liebe Schwestern und Brüder, setzt man sich solch eine Brille auf, liest man das heutige Osterevangelium mit den Augen unserer Alltagsrationalität, dann klärt sich das Geheimnis von Ostern stückweise auf. Es wird verständlich und auch nachvollziehbar. Ostern sei dann auf Schritt und Tritt in unserem Leben greifbar. Und zwar schon so, wie Friedrich von Spee dichtete, wenn er die Veränderungen in der Natur mit dem Geheimnis von Ostern in Zusammenhang brachte (wir haben seine Verse zu Beginn gesungen: „Jetzt grünet, was nur grünen kann, die Bäum zu blühen fangen an"). Ostern wird uns stückweise verständlich, weil wir alle das Auf- und Ab- im Leben kennen, den Aufstieg und Fall, und das nicht Aufgeben beim Misserfolg, bei der Pechsträhne. Nicht Aufgeben vor allem beim Glücksfaden, gerade dann, wo man schon dabei war, alles hinzuschmeißen. Weil alle Türe zugeschlagen wurden und sich doch in letzter Sekunde ein Fenster geöffnet hat: ganz unerwartet.

Wir kennen das allzu gut. Es geht ja immer weiter im Leben, wenn schon nicht in Jerusalem, dann eben am See von Galiläa. Der Fremde am Seeufer sei ein Symbol dafür, dass es niemals wirklich zu Ende geht. Und zwar im Leben, in diesem uns allen so vertrautem Leben. Und selbst dann, wenn Du stirbst, leben doch andere für dich. Deine Kinder und Freude. Sie werden dich nicht vergessen. Und wenn schon, so werden die Feinde dafür sorgen, dass man sich deiner erinnert. Wie gesagt, liest man das heutige Osterevangelium mit den Augen unserer Alltagsrationalität, dann scheint sich das Geheimnis von Ostern aufzuklären. Das Glaubensbekenntnis: „auferweckt von den Toten" wird dann alltagssprachlich übersetzt. Im Besten Fall heißt es dann: Ostern? Das ist doch klar! Die Sache Jesu geht weiter. Trotz aller Hindernisse, trotz Kreuzigung und Tod.

So ganz falsch sind solche Deutungen nicht. Sie bringen ein bisschen Licht in die Dunkelheit des Karfreitags und der Osternacht und in unsere Lebenskrisen. Zum entscheidenden Kern des Geheimnisses von Ostern vermögen sie aber trotzdem nicht ganz durchzustoßen. Die Alltagserfahrung von Misserfolg und Glück, von Aufstieg und Fall und Neubeginn: all das stellt so etwas dar, wie Hilfskrücken auf denen die gebrechliche menschliche Kreatur – und das sind wir alle, also jene Wesen, die unter all dem Lebendigen dieser Welt allein von unserer Sterblichkeit wissen – sich den Boden vorbereiten können auf dem der Same des Glaubens keimen kann. Was soll das heißen?

Gehen wir direkt zum Evangelium über. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar", sagte der Fuchs zum kleinen Prinzen bei Saint-Exupery. „Die Frau meinte, es sei der Gärtner und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast.... Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf Hebräisch: Rabbuni" Jene Frau, die viel geliebt hat, wenig moralisiert, aber eine Menge gelitten und noch mehr geliebt hat, Maria von Magdala, sie vermag im vermeintlichen Gärtner den auferweckten Christus zu erkennen. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Worauf will ich hinaus? Auf dem Boden der gleichen Erfahrung von Misserfolg und Glück, von Vergänglichkeit des Lebens öffnet das Evangelium einem Jünger die Augen auf, einer Jüngerin, einem bestimmten Jünger, einer bestimmten Jüngerin. Das Evangelium öffnet die Augen denen, die Jesus liebte und die auch Jesus geliebt haben.

Obwohl alle anderen vom Erfolg des reichen Fischfangs berauscht sind, vermag nur einer den Auferweckten zu erkennen. Er, den der Herr liebte. Nur der Geliebte vermag die Identität des Fremden aufzuklären. Er erkennt ihn, sein Herz fängt an zu brennen, ihm werden die Augen des Glaubens geschenkt, jenes Glaubens, der in all den Alltagserfahrungen von Pechsträhne und Glück etwas mehr erkennt als bloß die Hoffnung, dass es irgendwie im Leben weitergeht. Dem Jünger, den der Herr liebte und der Maria von Magdala werden die Augen des Glaubens geschenkt, die österlichen Augen, die durch die schlimmste Brucherfahrung des menschlichen Lebens: durch den Tod hindurch die Identität des Geliebten wieder zu erkennen vermögen. Er, der grausam gestorben ist und begraben wurde: er lebt! Und zwar nicht bloß in unserer Erinnerung, nicht in einer Wunschprojektion der Trauenden. Und auch nicht bloß, weil seine Sache weitergeht. Nein. Durch den Tod hindurch lebt er selber und zwar als derjenige, der er vor seinem Tod war. Maria und Johannes erkennen die Identität des Auferstandenen, ihr Herz fängt an zu brennen und so legen sie das Zeugnis ab und ziehen damit auch andere Menschen mit auf dem Weg der Erkenntnis der Liebe. So hat der Jünger, den der Herr liebte, Petrus mitgezogen, den Versager par excellence. Und so ging es weiter von Generation zu Generation bis in unsere Zeit: Menschen wurden in diesen Prozess der Erkenntnis der Identität des Verstorbenen und des nun Lebenden mitgezogen. Weil ihnen die österlichen Augen geschenkt wurden. Und sie die Gnade bekamen, das Wesentliche zu sehen: mit ihren Herzen.

Es mag vielleicht abenteuerlich klingen, aber ich glaube, dass diese christlichen Erfahrungen des Widererkennens durch den Bruch des Todes hindurch, des Wiedererkennens Jesu als desjenigen, der durch den Tod hindurch lebt und immer noch derselbe ist, dass diese Erfahrungen in unserer wissenschaftlichen Kultur den Drang motiviert haben, nach den Spuren der Identität des sterblichen Wesens zu suchen, jenen Spuren, die auf die sich im Tod durchhaltende Identität hinweisen. Man könnte da die Nichtselbstverständlichkeit des bürokratischen, administrativen, rechtstheoretisch abgesicherten Versuchs erwähnen, die Identität des Menschen durch seinen Namen, seinen wie auch immer gestalteten Ausweis festzuhalten, oder aber auf die vielschichtigen philosophischen Versuche, dem Naturalismus und Materialismus zu entkommen, auf die moderne Hirnforschung im Kontext der Fragen nach der Seele und dem Bewusstsein, oder aber die Bemühungen, durch die Entschlüsselung der Logik des DNA-Codes den Menschen zu identifizieren. All diese Versuche können von Christen als Zeichen verstanden werden: Zeichen, die die Wirklichkeit andeuten, mit ihr aber nicht identisch sind. Denn die Wirklichkeit erschließt sich denjenigen, denen die österlichen Augen geschenkt werden, jenen, die den Auferstandenen erkennen und zum Glauben gelangen, dass auch sie selber durch den Tod hindurch mit ihm zum Leben gelangen werden. Ostern zu feiern bedeutet ja auch: um solche österlichen Augen zu beten – auch oder gerade für uns selber. Und auch für diese Augen dankbar zu sein: also, Eucharistie zu feiern.

Prof. Józef Niewiadomski


Bild: Xavier Smet via unsplash.com

 

 

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