Joh 15, 26 – 16, 3.12–15
Liebe Schwestern und Brüder,
Pfingsten ist die Vollendung von Ostern. Durch die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die im Obergemach versammelten Jünger wird offenbar, dass der auferstandene Christus weiterhin mitten unter ihnen gegenwärtig ist. Genau das hatte Jesus im Johannesevangelium verheißen: Der Geist Gottes ist der Geist der Wahrheit, der Zeugnis für Christus ablegt und uns in die ganze Wahrheit führt – besonders auch in Zeiten der Verfolgung.
Drei zentrale Wahrheiten über den Geist Gottes verkündet uns Christus in diesem Evangelium: Der Geist führt uns zu Ihm, zu Christus. Er ist der Geist der Wahrheit. Und er macht aus Jüngern Zeugen.
1. Der Geist führt uns zu Christus
Jesus sagt: „Der Beistand ... wird Zeugnis für mich ablegen".
Der Heilige Geist führt uns immer wieder zu Christus und damit zu Gott zurück. Er ist gleichsam das lebendige Gedächtnis Jesu in der Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte; und zugleich in unseren Herzen auf unserem persönlichen Lebensweg. Er führt die Kirche und jeden Einzelnen von uns immer neu zurück zur Mitte.
Meister Eckhart zufolge wohnt der Heilige Geist als „Seelenfünklein" immer schon in uns. Ja, er ist gleichsam unser tiefstes und eigentliches Ich, das aber erst dort aufscheint, wo all das beiseitegeräumt wird, was seine Gegenwart in uns verdeckt und überlagert.
Und was ist es, das seine Gegenwart in uns überlagert? Meister Eckhart zufolge ist es letztlich unser Eigenwille. Eckhart denkt hier ganz augustinisch: Sünde ist das In-sich-selbst-Verkrümmtsein des Menschen. Dieses verkrümmte Ich aber wird gerade heute von allen Seiten genährt und verstärkt.
Wir werden durch algorithmengesteuerte Informationsmedien ständig mit Stimmen, Meinungen, Informationen und Pseudoinformationen versorgt, die uns immer wieder in dem bestätigen, was wir ohnehin schon glauben, während Andersdenkende als lächerlich oder verwerflich dargestellt werden. Das ist kein Zufall – es ist Design. Genau dafür sind diese Systeme programmiert.
So verlieren wir uns leicht im endlosen Scrollen durch die digitale Welt. „Doomscrolling", das rastlose Weiterwischen von Bild zu Bild, von Schlagzeile zu Schlagzeile, nährt oft nichts anderes als unser verkrümmtes Ich.
Der Geist Gottes zeigt sich dagegen meist ganz anders: dort, wo wir still werden, wo wir uns sammeln. Nicht laut, nicht spektakulär, sondern wahrhaftig. Wenn wir innerlich zur Ruhe kommen. Wenn wir die Bilder als das erkennen, was sie sind: bloße Bilder.
2. Der Geist führt in die Wahrheit
Jesus nennt ihn den „Geist der Wahrheit".
Wahrheit erscheint heute vielen Menschen als etwas Relatives: Jeder habe eben seine eigene Meinung, seine eigene Perspektive, seine eigene Wirklichkeit.
Doch die „Wahrheit", von der insbesondere das mystische Johannesevangelium spricht, meint viel mehr: die Wirklichkeit Gottes zu erkennen und in ihr zu leben.
Der Geist führt den Menschen daher nicht einfach zu mehr Wissen, sondern zu einem tieferen Sehen, zur „Schau". Denn zwischen Information und Wahrheit besteht ein großer Unterschied. Man kann über einen Menschen unzählige Informationen besitzen – und ihn dennoch nicht wirklich kennen. Und dann gibt es jene Augenblicke, in denen uns plötzlich ein Licht aufgeht: jene „Aha-Momente", in denen sich etwas öffnet und wir unser Leben auf einmal in einem neuen Licht sehen.
Genau das tut der Geist Gottes. Er schenkt solche Gnadenmomente. Er öffnet Augen und Herz. Er führt uns langsam hinein in die Wahrheit Gottes.
Vielleicht ist das eine entscheidende Frage für uns heute: Welche Stimmen prägen eigentlich mein Inneres? Was bestimmt mein Denken? Und was führt mich wirklich zum Leben?
Denn nicht jede Stimme ist der Geist Gottes. Der Geist Gottes führt nicht in Verwirrung, Angst oder Zynismus. Und – das ist gerade für die Workaholics unter uns wichtig – er überfordert uns nicht. Er führt nicht in Enge, sondern in Weite: in die Weite der Wirklichkeit Gottes.
3. Der Geist macht aus Jüngern Zeugen
„Auch ihr legt Zeugnis ab", spricht der Herr zu uns.
Und dieses Zeugnis ist nicht immer leicht. Oft wird es unter Bedingungen der Ablehnung oder sogar der Verfolgung abgelegt werden müssen. Tatsächlich sind Christen auch heute weltweit die am stärksten verfolgte Religionsgemeinschaft. Gerade in einer solchen Situation ist der Geist Gottes nicht bloß eine innerliche Wärme oder ein tröstendes Gefühl. Jesus nennt ihn unseren Beistand, unseren Anwalt in dieser Welt.
Pfingsten bedeutet deshalb auch: Aus Angst soll Freimut werden. Nicht Aggressivität. Nicht Rechthaberei. Sondern die Freiheit, zu Christus zu gehören und sich nicht vor der Wahrheit zu verstecken. Vielleicht braucht es heute gar nicht zuerst die großen Worte. Vielleicht beginnt das Zeugnis für Christus viel unscheinbarer: Dass jemand Hoffnung bewahrt. Dass jemand vergibt – auch dann, wenn der andere uneinsichtig bleibt. Dass jemand nicht zynisch wird, obwohl er benachteiligt oder verletzt wird.
Der Geist Gottes zeigt sich besonders auch in der Abwesenheit von Angst. Sowohl im Johannesevangelium – wenige Verse nach der heutigen Lesung – als auch in der Apostelgeschichte wird im Zusammenhang mit dem Heiligen Geist immer wieder von der Parrhesia gesprochen: der freimütigen, angstfreien Rede. In der frühen christlichen Tradition wird die Parrhesia zu einem zentralen Merkmal geistgewirkter Rede: nicht rhetorische Brillanz, sondern das wahrhaftige und furchtlose Aussprechen der Wahrheit vor den Menschen, gerade auch gegenüber den Mächtigen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Pfingsten bedeutet: Gott bleibt nicht äußerlich. Er kehrt in unser Inneres ein und will uns von all dem befreien, was uns gefangen hält und überlagert, um uns zum Vater zu führen.
Der Heilige Geist führt uns zu Christus. Er führt uns in die Wahrheit. Und er schenkt uns den Mut zum Zeugnis.
Bitten wir ihn darum, dass unser Glaube nicht bloße Gewohnheit bleibt, sondern lebendig wird. Dass Christus in uns immer mehr Gestalt gewinnt. Und dass wir den Mut haben, in dieser Welt als Zeugen Christi zu leben. Amen.
Univ.-Ass. Mag. Enrico Grube Ph.D.