Wir kennen die notae ecclaesiae, die Merkmale der Kirche, aus dem Glaubensbekenntnis. „Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche." Aber fehlt da nicht ein Merkmal? Sollte man nicht hinzufügen: „und die verfolgte Kirche"? Jesus spricht in seinen Sendungsreden an die Apostel die Verfolgung klar an: „Haben sie mich verfolgt, werden sie auch euch verfolgen." (Joh 15,20)
In unseren Breiten erlebe ich Verfolgung nicht. Zwar begegne ich Kritik an der Kirche – und diese ist oft nicht unberechtigt, wenn auf Missstände in den eigenen Reihen aufmerksam gemacht wird.
Weltweit gesehen werden jedoch sehr viele Christen aufgrund ihres Glaubens benachteiligt und verfolgt. Kirche in Not schreibt: „Rund 220 Millionen Christen sind betroffen und die Tendenz ist steigend. Christen verschiedener Konfessionen sind zwar nicht die einzige Religionsgruppe, die wegen ihres Glaubens benachteiligt wird; weltweit leiden sie aber am meisten unter religiöser Diskriminierung oder Verfolgung." Nordkorea, Somalia, Jemen, Syrien, Libanon stehen laut Weltverfolgungsindex ganz oben auf der Liste. Wir erinnern uns auch an Nicaragua, wo 2024 der sozialistische Diktator Daniel Ortega den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Carlos Enrique Herrera Gutiérrez, aus dem Land ausweisen ließ. Bischof Herrera hatte einen Bürgermeister kritisiert, der eine Messe vor der örtlichen Kathedrale mit brutaler und lauter Musik hatte stören lassen. Auch viele Priester wurden des Landes verwiesen oder an ihrer pastoralen Arbeit gehindert. Aber blicken wir auf die letzen Monate:
Verfolgung tut weh. Aber Verfolgung ist auch ein Zeichen, dass wir nicht alles falsch machen. Die Werte des Evangeliums halten wir hoch: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Option für Arme und Unterdrückte, Diplomatie und Friedenssuche statt militärischer Machtdemonstration.
Als Christen sollen wir auf Gewalt nicht mit Gegengewalt antworten. Jesus will uns als „Schafe mitten unter Wölfen". Wohl aber sollen wir auf das Unrecht aufmerksam machen und dagegen protestieren.
Als Novize sah ich einen Film über Oscar Romero, der zwischen 1977 und 1980 Erzbischof von San Salvador war. Beeindruckt und bewegt verließ ich den Kinosaal. Romero war zunächst schüchtern und zurückhaltend. Angesichts des gewaltsamen Todes des Jesuitenpaters Rutilio Grande wurden ihm, wie er bekundete, die Augen geöffent. Beim Requiem predigte er: „Wir möchten euch sagen, ihr mörderischen Brüder, dass wir euch lieben und dass wir Gott um Reue für eure Herzen bitten, denn die Kirche ist nicht zum Hass fähig und sie kennt keine Feinde." Seine Haltung zur Gewalt drückte er so aus: „Die einzige Form der Gewalt, die das Evangelium zulässt, ist diejenige, die man sich selber gegenüber anwendet. Wenn Christus zulässt, dass er getötet wird, dann ist das Gewalt: sich töten zu lassen [...] Es ist leicht zu töten, vor allem, wenn man Waffen hat; aber wie schwer ist es, sich töten zu lassen aus Liebe zum Volk!" Romero prangerte nun offen die Ungerechtigkeit im Lande an, die Schindung des Volkes, die Ermordung Tausender. Da erhielt er selbst Morddrohungen.
Jesus sagt: „Fürchtet euch nicht vor jenen, die den Leib töten [...]." (Mt 10,28) Aber natürlich fürchten wir uns. Wer will schon verfolgt werden, wer will schon gefoltert werden oder einen gewaltsamen Tod erleiden? Auch Jesus fürchtete sich, als er im Ölgarten zum Vater im Verborgenen betete. Romeros letze Exerzitien waren so etwas wie sein Gebet im Ölgarten. In den Aufzeichnungen aus seinen letzten Exerzitien lesen wir: „Es fällt mir schwer, einen gewaltsamen Tod anzunehmen, der in diesen Verhältnissen sehr wohl möglich ist." In seiner letzten Predigt in der Kathedrale von San Salvador richtete er den Angehörigen der Armee aus: „Brüder, ihr gehört zu unserem Volk. Ihr tötet eure eigenen Brüder unter den Bauern. Wenn ein Mensch euch befiehlt zu töten, dann muss das Gesetz Gottes mehr gelten, das da lautet: Du sollst nicht töten!" Am Tag darauf hielt er die Messe in der Krankenhauskapelle und predigte zum Satz „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein." (Joh 12,24) Und als er die Gaben von Brot und Wein darbrachte, traf ihn ein tödlicher Schuss. Sein Tod, sein Mut sind für viele zur Kraftquelle und Inspiration geworden, auch für Papst Leo.
Viele waren stolz auf den Papst, als er im April dieses Jahres bei seinem Afrikabesuch angesichts des Irankrieges sagte: „Die Botschaft des Evangeliums ist ganz klar: ‚Selig sind die Friedfertigen.' Ich werde mich nicht scheuen, die Botschaft des Evangeliums zu verkünden. [...] ich werde weitermachen mit dem, was ich für die Mission der Kirche halte." Ferner: „Ich habe keine Angst vor der Trump-Regierung. Ich bin kein Politiker. Ich lade alle Menschen dazu ein, Brücken für Frieden und Versöhnung zu bauen und nach Wegen zu suchen, um Krieg zu vermeiden." In Kamerun sagte er ganz klar: „Die Kriegsherren tun so, als ob sie nicht wüssten, dass ein Augenblick genügt, um zu zerstören, dass aber oft ein ganzes Leben nicht ausreicht, um wieder aufzubauen." Für Tod und Verwüstung werden viele Milliarden Dollar ausgegeben. „Die Welt wird von einer Handvoll Tyrannen zerstört und von Myriaden solidarischer Brüder und Schwestern aufrechterhalten". Wie wahr!
Die Kirche Jesu Christi ist auch die verfolgte Kirche. Die Beispiele, die ich genannt habe, machen uns Mut, für Glauben und Gerechtigkeit einzutreten. So folgen wir Jesus Christus nach, unserem ersten Märtyrer, dem treuen Zeugen (Offb 1,5: ho martus ho pistos).
P. Bruno Niederbacher SJ
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