Das Evangelium ist voller Bilder des menschlichen Lebens. Es lädt mich ein, mit meiner ganzen Vorstellungskraft ins Geschehen einzusteigen, selber dabei zu sein und so auf meine ganz persönliche Weise Jesus zu begegnen.
Da sehe ich zuerst Jesus auf dem Berg, um für sich allein zu beten. Es wird schon Abend. Er ist ganz beim Vater, er ist vereint mit ihm. Er ist oben, er ist in Einheit, er ist in Harmonie. Es ist stille Nacht, heilige Nacht, himmlische Ruh. Für kurze Zeit nimmt er mich mit in diese selige, erfüllte Stille.
Aber meistens bin ich nicht oben, sondern unten, im Boot auf dem See. Dort ist stürmische Nacht, das Lebensschiff wird von den Wellen hin und hergeworfen. Es ist Turbulenz, es ist Chaos, es ist Unruhe. Ich spüre den Gegenwind. Ich komme ins Rudern. Ich habe den Eindruck, trotz aller Anstrengung auf der Stelle zu treten. Die Stunden vergehen: erste Nachtwache, zweite Nachtwache, dritte Nachtwache, und von Jesus keine Spur. „Wo bist du, wenn ich dich am meisten brauche?"
In der vierten Nachtwache wird es noch ungemütlicher. Die Herausforderungen der nächsten Tage erscheinen übergroß wie Gespenster, die mir Angst machen. Die Stimme Jesu sagt mir: „Hab Vertrauen, ich bin es, fürchte dich nicht. Ich bin es, der dir in den Herausforderungen deines Lebens entgegenkommt." Mir fällt ein guter Satz ein, den ich einmal gelesen habe: Alles, was in deinem Leben passiert, hat das Potential, dich Gott näher zu bringen: nicht nur dein Glück, dein Erfolg, deine Gipfelerlebnisse, deine Gesundheit, sondern auch dein Versagen, dein Unvermögen, deine Sünde, deine Krankheit (1). „Hab Vertrauen! Obwohl ich ganz bei Gott bin, bin ich auch bei dir. Ich bin da."
Und dann kommt die Szene mit Petrus: „Herr, wenn du es bist, dann befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme." Eine Frau berichtete über ihre Erfahrung mit dieser Stelle (2). Sie war beim Beten in ihrer Vorstellung mit den anderen Jüngern ins Boot gestiegen, sie hatte den Gegenwind und die stürmischen Wellen erlebt, sie hatte auch den Wunsch, wie Petrus, nahe beim Herrn zu sein. Als es aber darum ging, das Boot zu verlassen, versagten ihre Kräfte. Sie konnte es nicht, weil sie keine gute Schwimmerin war. Sie meinte, an dieser Stelle sei ihr Gebet schiefgelaufen. Aber stimmt das? Wie ist es weitergegangen? Sie habe angefangen, mit Jesus zu reden. Es war, als ob er fragte: „Habe ich dir schon einmal zu viel zugemutet?" Und sie antwortete: „Ja, immer wieder im Leben hast du mir zu viel zugemutet." Und sie fing an mit ihm darüber zu reden; dass sie ihm nicht vertrauen könne, weil sie ihn nicht gut genug kenne. Aber ist da wirklich etwas in ihrem Gebet schiefgelaufen? Nein, im Gegenteil. Darin, dass sie in ihrer Vorstellung das Boot nicht verlassen konnte, ist ihr etwas Wichtiges aufgegangen, und ein ehrlicher Dialog mit dem Herrn hat begonnen. Sie ist ihm ganz persönlich begegnet, so wie sie ist.
Wage ich es, mich in der Vorstellung aus dem Boot zu begeben, meine Füße auf Wasser zu setzen? In der Vorstellung hat es funktioniert. Ich erinnerte mich an meine Schwimmversuche. Ein Freund war im Becken und rief mir lachend zu: „Komm rein, trau dich! Du wirst sehen: Das Wasser trägt dich. Je weniger du um dich schlägst, je ruhiger du bist, desto besser trägt es dich." Auf sein Wort hin wagte ich es. Ich wusste: Er ist ein guter Schwimmer, er ist da und hält mich sofort, wenn ich sinke. So stellte ich mir auch Jesu Rufen vor: „Komm!" Es hatte etwas Humorvolles. Ich ahnte, dass es nur schief gehen konnte. Aber ich dachte, dass ich nichts zu befürchten habe. Er lässt mich keine Sekunde im Stich, seine rettende Hand ist sofort da. Freilich bin ich nervös geworden und begann prompt zu sinken. „Herr, rette mich!" Sofort streckte er seine Hand nach mir aus und ergriff mich. „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?", fragte er lächelnd.
Es war wie ein Spiel. Aber das Leben ist ernst. Ich bin oft meilenweit von dieser Gelassenheit entfernt. Und doch ist der Gehversuch des Petrus auf dem See ein Bild, das ich gerne vor mich stelle. Es hilft mir zu verstehen, was es heißt zu glauben: Es ist wie auf Wasser zu gehen, auf dem Unsicheren, auf dem, was nicht geeignet scheint zu tragen. Und es hilft mir, meine Sehnsucht ins Gespräch mit dem Herrn zu bringen und zu sagen: „Herr, wann werde ich soweit sein, meine verkrampften Hände öffnen und dir entgegenstrecken zu können? Wann werde ich soweit sein, dir vertrauen zu können, dass du mich trägst? Oder noch besser: Mit dir auf den Wellen des Wassers spazieren zu gehen? Wann werde ich mit dieser Gelassenheit das Leben wagen, Gewohntes loslassen, einen neuen Schritt setzen, weil ich glaube, dass ich in allen Situationen in deinen Händen bin?"
(1) Fleming, David L., Paraphrase des Prinzip und Fundaments der Exerzitien des Ignatius von Loyola: „We should not fix our desires on health or sickness, wealth or poverty, success or failure, a long life or short one. For everything has the potential of calling forth in us a deeper response to our life in God."
(2) Sheldrake, Philip 1984. Imagination and Prayer, in: The Way 24.2, 92-102, hier 92-93.
P. Bruno Niederbacher SJ