Vom Wert der Leiblichkeit

Predigt zu Mariä Aufnahme in den Himmel von Prof. Józef Niewiadomski, 15. August 2026

Symbol

Je älter ich werde, umso präsenter ist mir folgende Szene aus meiner Kindheit. Am 15. August duftete unsere Kirche intensiv nach Kräutern. Und nach Weihrauch. Da konnte es einem schwindlig werden. Als pubertierender Ministrant schaute ich fasziniert das an diesem Tag enthüllte Altarbild an. Eine tolle Frau entsteigt da dem Grab. Die „schönste aller Frauen", erotisch bis zum Geht-nicht-mehr! Sie schwebt dem Himmel entgegen und lässt hinter sich eine Gruppe Männer zurück. Ihre Münder offen, ihre Augen weit aufgerissen im Anbetracht des Wunders. Begeisternd predigte der Kaplan davon, dass aus dem leeren Grab Mariens wunderbarer Duft emporstieg. Genauso sinnlich wie der Duft der Kräuter, die von der Dorfbevölkerung massenweise an diesem Tag in die Kirche zur Segnung gebracht wurden. Man steckte sie dann in die damals noch allgegenwärtigen Strohdächer der Häuser, der Ställe und Scheunen.

In einer derart sinnlich anmutenden Atmosphäre verinnerlichte meine Frömmigkeit dieses älteste Marienfest der Kirche. Intensiv prägte das Bild meinen kindlichen Wunsch auch in den Himmel zu kommen, genauso wie meinen Glauben, dass meine früh verstorbene Mutter im Himmel ist. Zum Glanz dieses Marienfestes gesellte sich bald in meiner Vorstellungkraft die Glaubenswahrheit des katholischen Dogmas: Maria ist "nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Seele und Leib in den Himmel eingegangen". So hat es Pius XII. am 1. November 1950 verkündet. Viel später, im Theologiestudium lernte ich die dazu gehörende Geschichte. Und diese ist geradezu atemberaubend. Und auch sinnstiftend gar in einer Zeit wie der unsrigen, die ja allergisch ist gegen die Dogmen. Sinnstiftend ist die Geschichte nicht nur deswegen, weil der Papst vorher – fast schon auf eine synodale Art und Weise – alle Bischöfe der Welt befragt hat, ob er das Dogma verkünden soll. Eine überwältigende Mehrheit bat ihn sogar darum. Und warum?

Warum war die Ergänzung eines alten, folkloristisch anmutenden Festes durch die ausdrücklich definierte Glaubenswahrheit notwendig? Dazu noch tausend neunhundert Jahre nach dem Tod Mariens? Aber in einem Jahrhundert, das der Menschheit zwei Weltkriege bescherte, Leichenberge sondergleichen häufte und Menschen in Konzentrationslager zusammenpferchte? Die Banalität der Teufelskreise der Lüge und Gewalt zeigte ihre erschreckende Fratze im 20. Jahrhundert. Und es waren dies die Bilder der beispiellos geschundenen, bis auf die Knochen ausgemergelten menschlichen Körper, die Bilder der Berge von Asche aus den verbrannten Leichen, aber auch die Meldungen über die nationalsozialistischen Experimente, die aus menschlichen Körpern Seife produziert haben; diese Bilder, die ja nichts anderes waren als der zynische Erweis des Wertes eines menschlichen Körpers in einer gottlosen Welt: Verwertet bis auf den letzten Groschen! Ansonsten nutzlos.

So paradox es zuerst klingen mag: Mit dem Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel setzte die Kirche der zynischen Wahrheit einer gottlosen Kultur eine radikal anders gelagerte Wahrheit entgegen: die Wahrheit von der Heiligkeit, ja die Wahrheit von der Vollendung gerade des menschlichen Leibes. Der Philosoph C. G. Jung sah in diesem neuen Dogma eine geniale Antwort der Kirche auf den weit verbreiteten Nihilismus und Pessimismus der Nachkriegszeit. Auf eine wunderschöne Art und Weise hat unser Genius loci – Karl Rahner, der hier in der Krypta begraben ist – (er hat) den Wert der Glaubenswahrheit des heutigen Festes formuliert. Die Kirche erhebe ihr Haupt und schaut der einzigen Hoffnung entgegen, die diesen Namen auch verdient, nämlich der Zukunft Gottes. Wir alle also, wir alle, die wir ja die Kirche sind, (wir) grüßen in Maria unsere „eigene Zukunft, die Zukunft der „Auferstehung des Fleisches". Nicht die Bilder der Leichenberge und der Berge von Asche sollen das Glaubensbewusstsein der Katholiken prägen, sondern das Bild des bei Gott vollendeten menschlichen Leibes. Selbst dann, wenn man sagen müsste: „Credo, quia absurdum": ich glaube, auch wenn es absurd zu sein scheint...

Liebe Schwestern und Brüder, das Fest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel und das nun dazu gehörende Dogma korrigieren aber – und auch dieser Strang der Geschichte ist atemberaubend – (sie korrigieren) vieles in der schief gelaufenen katholischen Frömmigkeit. Jahrhundertelang hörten die Katholiken bloß die Aufforderung: „Rette deine Seele!" Daran wäre noch nichts auszusetzen, solange man in der normalen Seelsorge immer noch die Auferstehung der Toten unterstrich. Diese normale „Seelsorge" konnte aber auch erschreckendere Formen annehmen. Und sie hat sie auch in der Geschichte hin und wieder angenommen. Wenn man etwa die Leiber der Ketzer dem „reinigenden" Feuer übergab, damit deren Seelen gerettet werden. Wenn Hexen verbrannt wurden, auf dass der vom Satan „besetzte" Leib vernichtet werde. Gerade der weibliche Leib! Wenn Büßerinnen und Büßer ihre Leiber malträtierten, bloß damit das sündige Begehren nicht überhandnehme. So extrem ging es nicht immer. Und doch: so oder anders gewendet: Leibfeindlichkeit im katholischen Gewand machte auch vielen von uns in unserem ganz normalen Alltag zu schaffen. Die Angst vor den uns dauernd bedrohenden unzüchtigen Worten und Werken bemächtigte sich oft – ja allzu oft – der katholischen Mentalität. Nun hat das Dogma: Maria sei „mit Leib und Seele" in den Himmel aufgenommen die Sackgassen dieser wild gewordenen Frömmigkeit, die Sackgassen eines leibfeindlichen Moralismus stückweise korrigiert. Auch wenn es nicht immer so verstanden wurde. Dem pubertierenden Ministranten in Ostpolen jedenfalls, der in seiner Kindheit das Bild der „schönsten aller Frauen" – die mit ihrem wunderschönen Leib dem Himmel entgegenschwebt – (der also dieses Bild) zutiefst verinnerlichte, blieb jedenfalls die verklemmte Leibfeindlichkeit erspart. Dank Maria hat er sich den lebensfrohen Katholizismus bis in sein Alter bewahrt.

Liebe Schwestern und Brüder, das Fest und das Dogma geben nämlich die einzig mögliche Antwort auf fortschreitende Banalisierung, auf die sich immer wieder neu einschleichende Verachtung und Erniedrigung des menschlichen Leibes. Es ist dies der Glaube an die Vollendung des Menschen durch Gott in seiner – ganz konkreten – Leiblichkeit. Denn: es gibt nichts, aber auch gar nichts an diesem meinem Leib, was nicht von Gott geliebt, deswegen auch von ihm vollendet wird. An Maria können wir die Wahrheit über unsere eigene Leiblichkeit ablesen. Und diese zu schätzen und auch lieben zu lernen. Selbst oder gerade dann, wenn wir in und an unserem Leib leiden, Schmerzen haben, oder sich in unserer Haut fremd fühlen.

Und wozu soll das gut sein? Gerade im Zeitalter der Überflutung durch Leibesphantasien? In der Zeit der Schönheitschirurgen, der Top-Models, der Body-Building-Studios, aber auch in der Zeit der Magersucht? Gar im Zeitalter der Träume vom Cybersex? So paradox es klingt: Unter dem Vorwand der Leibfreundlichkeit, können viele Moden unseres Zeitalters unsere ganz konkrete Leiblichkeit vernichten. Zwar nicht, um die Seele zu retten, sondern um uns einen neuen Leib zu schaffen. Einen besseren, einen perfekteren. Ob wir das glauben oder nicht: diese Kultur gerät langsam in eine noch schlimmere Sackgasse als das Mittelalter. Dieses hoffte mindestens auf das Heil der Seele. Unserer Kultur, die ja das Leben durch den Tod hindurch kaum noch schätzt, bleibt aber nur oft die lebenslange Unzufriedenheit mit dem eigenen Leib. Und der Seitenblick auf die immer noch schöneren, scheinbar perfekteren, vor allem jüngeren Leiber. Der alt gewordene Ministrant aus Ostpolen ist für seine kindliche Frömmigkeitserfahrungen dankbar. Heute versteht er stückweise das, was er damals verinnerlichte und was heute leider unterzugehen droht (gerade beim Glauben der Kinder und der Jugendlichen): Es ist befreiend zu glauben, dass Gott meinen konkreten Leib liebt und ihn auch so vollendet. Durch den Tod hindurch! So wie er dies bei Maria getan hat. Ein solcher Glaube schützt! Er schützt vor der Vergewaltigung seiner selbst. Und auch der Anderen. Getragen von solchem Glauben lässt sie lebensfroh leben und sterben. Im Einklang mit sich selber und seiner Leiblichkeit. Deswegen ist das heutige Fest der Inbegriff katholischer Freude: Denn Maria heute grüßend grüßen wir unsere eigene Zukunft, die Zukunft, der der Tod keine Grenze darstellt.

 

Prof. Józef Niewiadomski


Bild: Anuschka Srivastav via unsplash.com

 

 

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