Das heutige Evangelium ist auf den ersten Blick verstörend. Warum weist Jesus diese Frau zunächst so schroff zurück? Erst antwortet er ihr überhaupt nicht. Dann erklärt er, er sei nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Und schließlich begegnet er ihrer flehentlichen Bitte mit dem harten Wort: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen."
Doch die Frau lässt sich nicht abweisen. Schlagfertig greift sie das Bild Jesu auf und wendet es zu ihren Gunsten: „Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen." Erst daraufhin preist Jesus schließlich ihren Glauben und ihre Tochter wird geheilt.
Wie sollen wir diese ungewöhnliche Begegnung verstehen? Ist Jesus müde und deshalb unwirsch? Will er den Glauben der Frau auf die Probe stellen?
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Die Frau ist eine Kanaanäerin, also keine Jüdin. Jesus bewegt sich zunächst innerhalb der Grenzen seiner Sendung an sein eigenes Volk. Wie die meisten jüdischen Lehrer seiner Zeit unterscheidet er zwischen Israel, dem Volk des Bundes, und den Heiden, die diesem Volk nicht angehören. Eine Unterscheidung zwischen ‚drinnen' und ‚draußen.' Doch – und das ist für das Verständnis dieser Geschichte entscheidend – dabei bleibt es nicht. Bemerkenswert ist schon, dass Jesus der Aufforderung seiner Jünger, die Frau wegzuschicken, gerade nicht folgt. Er schickt sie nicht fort. Er lässt die Begegnung weitergehen und gibt der Frau Raum, ihren Glauben auszusprechen.
Und sie bleibt hartnäckig. Sie nimmt sogar das zunächst verletzend wirkende Bild von den Kindern und den Hunden auf. Sie bestreitet den Vorrang Israels nicht, aber sie vertraut darauf, dass Gottes Güte so groß ist, dass selbst die Brotkrumen von seinem Tisch genügen. Sie fordert keinen Anspruch ein. Sie setzt alles auf die überströmende Barmherzigkeit Gottes.
Jesus lässt sich von diesem Glauben bewegen: „Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst." Damit führt er seinen Jüngern – und auch uns – vor Augen, dass Gottes Barmherzigkeit nicht an den Grenzen eines Volkes oder einer Herkunft Halt macht. Was zunächst wie eine feste Grenze erscheint, wird durch den Glauben der Frau überschritten.
Gerade diese Frage wurde nach Tod und Auferstehung Jesu zu dem ersten großen Streitpunkt der ersten christlichen Gemeinden: Sollten sie eine besondere Gemeinschaft innerhalb Israels bleiben, die sich dadurch auszeichnet, Jesus als den Messias zu bekennen? Oder war mit dem Leben, dem Tod und der Auferstehung Christi etwas geschehen, das alle Menschen betrifft – unabhängig von Herkunft, Abstammung und Geburt?
Alle drei Lesungen des heutigen Sonntags geben darauf dieselbe Antwort: Gottes Heilswille gilt allen. Christus ist für alle gestorben. In seiner Auferstehung hat Gott offenbar gemacht, dass der Tod für alle überwunden werden soll und dass er alle Menschen zum Leben führen will.
Schon in der ersten Lesung kündigt der Prophet Jesaja an, dass auch die Fremden, die sich dem Herrn anschließen und seinen Namen lieben, zu seinem heiligen Berg geführt werden. Gott selbst sagt: „Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden."
Diese Verheißung findet ihre Fortsetzung in der Kirche Christi. Sie heißt „katholisch" – katholikós, das Ganze umfassend –, weil sie nicht einem einzigen Volk, einer Kultur oder einer gesellschaftlichen Gruppe gehört. Sie soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein. Denn alle Menschen sind als Bild Gottes geschaffen; alle sind in das Erlösungswerk Christi einbezogen. Gott will, wie es im Ersten Timotheusbrief heißt, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen".
Auch der Apostel Paulus betont dies in der zweiten Lesung. Er schreibt an Christen aus den Heidenvölkern und hofft zugleich auf die Rettung Israels, des Volkes, aus dem Christus hervorgegangen ist. Weder dürfen sich die einen über die anderen erheben, noch darf sich eine Gruppe für ausgeschlossen halten. Alle sind auf Gottes Erbarmen angewiesen. Deshalb fasst Paulus seine Gedanken in dem großen Satz zusammen: „Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen."
Das Evangelium zeigt uns also, wie die Grenzen der ursprünglichen Sendung Jesu auf die Völker hin geöffnet werden. Der Glaube der kanaanäischen Frau nimmt diese Öffnung gewissermaßen vorweg. Sie wird nicht aufgrund ihrer Herkunft erhört, sondern aufgrund ihres Vertrauens. Sie glaubt, dass Gottes Barmherzigkeit auch für sie und ihre Tochter ausreicht – und Jesus bestätigt ihren Glauben.
Daraus ergibt sich für uns eine klare Aufgabe für eine inklusive Kirche hier und heute: Die Kirche ist nicht nur für die Tiroler da, nicht nur für die Einheimischen und nicht nur für diejenigen, die „schon immer hierhergehört haben." Sie ist für alle da, die den Namen Jesu anrufen und sich ihm anvertrauen wollen. Es ist unsere Aufgabe, sie willkommen zu heißen, sie einzuladen und ihnen Raum zu geben, ihren Glauben mit uns zu teilen. Die Kirche soll tatsächlich ein Haus des Gebetes für alle Völker sein.
Das gilt besonders für die vielen Suchenden unserer Zeit. Manche haben sich vom Glauben ihrer Kindheit entfremdet – vielleicht auch deshalb, weil dieser Glaube niemals die Gelegenheit hatte, mit ihnen erwachsen zu werden. Andere haben noch nie auf eine glaubwürdige Weise von Christus gehört. Sie alle sollen bei uns erfahren können: Du bist willkommen. Nimm Platz. Höre mit uns das Wort Gottes. Feiere mit uns das Gedächtnis und die Gegenwart des Todes und der Auferstehung Christi. Öffne dich Christus – er kann dein Leben verändern.
Wir, die wir uns vielleicht manchmal als „Einheimische im Hause Gottes" empfinden, haben deshalb eine besondere Aufgabe: Wir sollen die Fremden und Suchenden nicht an der Tür stehen lassen, sondern sie einladen und ihnen sagen: Christus ist für dich da – in jeder Stunde deines Lebens. Tritt ein in sein Haus des Gebetes. Öffne ihm dein Leben, denn er hat sein Herz längst für dich geöffnet.
Assist. Prof. Enrico Grube
Bild: Lotustempel der Bahai in Neu Delhi, Rama Krushna Behera via unsplash.com