Predigt zur Hildegardismesse 2026

von P. Bruno Niederbacher SJ, 20. September 2026

Symbol

Vor einigen Jahren war ich in Eibingen, wo heute das Benediktinerinnenkloster steht, das auf die Hl. Hildegard zurückgeht. Es ist umgeben von Weinbergen. Der Weinbau wurde bereits zur Zeit Hildegards im 12. Jahrhundert von ihren Schwestern betrieben. Hildegard hätte also eine Freude mit dem heutigen Evangelium gehabt.

Im Gleichnis prallen zwei Welten aufeinander: unsere harte, oft brutale Welt der Arbeit, wo der andere ein Rivale ist, wo man vergleicht, wo Leistung und Entgeltung sich genau entsprechen, wo man ums tägliche Überleben kämpfen muss; und die neue Welt des Reiches Gottes, wo man sich freut über jede und jeden, der dazukommt, wo man gemeinsam für die Sache Gottes arbeitet, für einen Gott, der jeder und jedem eines, und zwar das Gleiche, gibt: den Denar seiner ewigen Liebe; wo man sagen würde, wenn man erst um die elfte Stunde dazukäme: „Schade, dass ich dich nicht früher gefunden habe („Ach, dass ich dich so spät erkannte"); aber besser spät als nie."; und wo es eine Freude ist, von Anfang an dabeigewesen zu sein.

Hildegard ist von Anfang an dabei. Schon in jungen Jahren kommt das Mädchen adeliger Eltern in die Frauenklause eines Benediktinerklosters auf dem Disibodenberg. Sie lernt dort lesen und schreiben, Latein, singen, sie studiert die Bibel und die Kirchenväter. Sie ist auf der Höhe des Wissens ihrer Zeit.

Hildegard dichtet und komponiert liturgische Gesänge für ihren eigenen Konvent und auch für befreundete Klöster. Musik ist nach Hildegard mehr als Klang und Zeitvertreib. Musik ist Therapie für den durch den Fall verwundeten Menschen. Erinnern wir uns an eine Begebenheit aus dem Alten Testament (1 Sam 16,23). Wenn der psychisch labile König Saul seine melancholischen Tage hatte, ließ er David kommen, damit er ihm auf der Leier spielte. Danach fühlte sich Saul erleichtert und es ging ihm wieder gut. Auf diesen David werden die 150 Psalmen zurückgeführt, lauter Gesänge, die sich an Gott richten. Hildegard und ihre Schwestern sangen sie Tag für Tag.

Diese Psalmen sind eine gute Gebetsschule. Sie lehren mich, dass ich alles, was in meinem Herzen ist, das ganze Panoptikum der Gefühle, vor Gott ausdrücken darf:

Alles darf da sein im Gebet, und wenn wir mit dem beten, was uns im Augenblick bewegt, wird Gebet auch nicht langweilig. Rumpelstilzchen hat im Märchen Stroh zu Gold gemacht. Entsprechend meine ich: Wir können aus allem, auch aus dem Stroh und Mist unseres Lebens, ein Gebet machen.

Wer singt, betet doppelt, heißt es, weil im Gesang der Leib mit der Seele zusammenklingt. Der Leib ist nach Hildegard gottgeschaffen, er ist gut, er ist die zweite Stimme in der Symphonie eines menschlichen Lebens. Ganzheitlich leben, ganzheitlich beten.

Musik ist für Hildegard Antwort auf Gottes Selbstmitteilung in Schöpfung und Erlösung. Auf einer ihrer Visionstafeln sind die Chöre der Engel abgebildet. Sie rufen einander zu: „Heilig, heilig, heilig". Sie antworten auf den Ruf Gottes. Dies ergibt einen Zusammenklang, eine Symphonie. Diese himmlische Liturgie soll sich im Chorgebet von Hildegards Gemeinschaft spiegeln. Daher ist dieser Gesang für sie wesentlich. Die Schwestern sind trostlos, wenn sie nicht singen dürfen. In einem Brief gegen Ende ihres Lebens, als ihrem Konvent der Gesang der Stundenliturgie verboten wurde, macht Hildegard dies klar. Musik erinnert uns, wofür wir eigentlich geschaffen sind: für das Paradies und für das Lob Gottes.

C.S. Lewis hat Reflexionen auf die Psalmen geschrieben. Er wundert sich zuerst über einen Gott, der ständig gelobt werden will. Was soll das? Doch dann findet er die Lösung. Wer lobt, ist glücklich. Wer lobt, drückt Dank aus. Er schreibt: „Ich glaube, wir loben deshalb gerne, was uns Freude bereitet, weil der Lobpreis die Freude nicht nur ausdrückt, sondern vervollständigt. Er ist die ihr bestimmte Vollendung. Es ist nicht als Kompliment gemeint, wenn Liebende sich gegenseitig immer wieder sagen, wie schön sie sind, sondern das Entzücken übereinander ist einfach unvollständig, solange es nicht ausgedrückt wird. Es ist frustrierend, einen neuen Autor entdeckt zu haben und niemandem erzählen zu können, wie gut er ist; oder plötzlich an einer Wegbiegung in den Bergen auf einen Talblick von unerhoffter Pracht zu stoßen und dann schweigen zu müssen, weil die Leute, mit denen man unterwegs ist, sich darum so wenig scheren wie um eine alte Konservenbüchse im Graben; oder einen guten Witz zu hören und niemanden zu finden, dem man ihn erzählen kann..."

Für einen Menschen, der loben kann, ist alles schön und gut geworden, und er stimmt ein in die große Symphonie der Schöpfung, für die er von Anfang an geschaffen ist.

P. Bruno Niederbacher SJ


Bild: "Die Chöre der Engel" von Hildegard von Bingen

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