Jesus bringt Klarheit

Predigt zum Nachlesen von P. Robert Deinhammer SJ, 25. Oktober 2026

Symbol

Wenn man versucht, dem Leben mit all seinen Anforderungen, Verpflichtungen und Regeln gerecht zu werden, wird es schnell schwierig und kompliziert. Kennen Sie das? Man will alles richtig machen, im Beruf, in der Familie, als scheinbar guter Mensch, und am Ende des Tages bleibt oft das Gefühl: Ich wollte alles unter einen Hut bringen, aber es gelingt nicht. Es bleibt schwierig. Es bleibt kompliziert. Es bleibt verworren.

In den Texten, die wir gerade gehört haben, findet das Gegenteil statt. Hier wird radikal aufgeräumt und geklärt. Es wird sortiert, bis nur noch das übrig bleibt, worauf es wirklich ankommt. Konzentration auf das Wesentliche!

Da ist zuerst diese Szene im Matthäusevangelium. Die Pharisäer, damals die Experten für ein moralisch einwandfreies Leben, kommen zu Jesus. Sie stellen ihm eine klassische Fangfrage: „Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?" Man muss wissen: Die jüdische Tradition zählte damals 613 einzelne Gebote und Verbote. 613 Regeln, die man im Kopf haben und im Alltag anwenden musste. Die Frage war also ein Test. Kann man Jesus irgendeine Häresie nachweisen? Für die Pharisäer war Jesus nicht ganz koscher.

Und wie reagiert Jesus? Er streicht die 613 Regeln zusammen. Nicht auf zehn, nicht auf fünf, sondern auf zwei. Oder eigentlich: auf eine einzige, untrennbare Bewegung. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen" und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

Das klingt in unseren Ohren erst einmal schön. Fast ein bisschen kitschig. Aber wenn wir ehrlich sind, löst das Wort „Gebot" in Verbindung mit „Liebe" Druck aus. Kann man Liebe befehlen? Kann ich mich per Dekret dazu verordnen, Gott zu lieben, den ich nicht sehe? Oder den Nachbarn, der mich gestern erst wieder geärgert hat? Wenn Liebe nur ein Gefühl wäre, eine spontane Sympathie, dann wäre dieses Gebot unmöglich. Gefühle lassen sich nicht auf Knopfdruck herstellen.

Und genau hier kommt die Entlastung ins Spiel. Das Ganze funktioniert nur, weil die Reihenfolge eine andere ist. Wir müssen die Liebe nicht aus uns selbst herauspressen. Wir müssen nicht krampfhaft versuchen, „gut genug" zu sein, um Gottes Anerkennung zu verdienen.

Die Liebe, von der Jesus spricht, ist kein moralischer Marathon, den wir aus eigener Kraft laufen. Sie ist eine Antwort. Sie ist das Echo auf etwas, das längst da ist. Wir können nur lieben, weil wir zuerst geliebt worden sind. Gott fordert nicht ein, was er nicht vorher unendlich großzügig verschenkt hat. Glauben und Lieben bedeutet im ersten Schritt nicht Leistung, sondern Annahme. Es bedeutet, den Schutzschild herunterzunehmen und sich eingestehen zu dürfen: Ich bin von Gott gewollt. So wie ich bin. Mit meinen Brüchen, meinen Fehlern und meinen unfertigen Baustellen.

Wenn wir das begreifen, ändert sich der Blick auf den Nächsten. Nächstenliebe ist dann kein moralisches Pflichtprogramm mehr, bei dem wir uns aufopfern, bis wir nicht mehr können. Sie ist viel nüchterner und gleichzeitig viel tiefer. Sie bedeutet einfach, die eigene Egozentrik zu relativieren und zu erkennen: Der andere ist genauso ein von Gott geliebter, fehlerhafter, suchender Mensch wie ich. Seine Interessen sind nicht automatisch weniger wichtig, nur weil es nicht meine eigenen sind. Liebe ist die ganz praktische Entscheidung, dem anderen das Gute zu wollen, unaufgeregt, ehrlich und im Alltag verankert.

Wie das in der Praxis aussieht, beschreibt Paulus im Brief an die Gemeinde in Thessalonich. Er erinnert die Menschen dort an ihre Anfänge. Er sagt nicht: „Ihr habt alle Regeln perfekt eingehalten." Er sagt: „Ihr habt das Wort trotz großer Bedrängnis mit der Freude aufgenommen, die der Heilige Geist gibt."

Die Menschen dort haben erfahren, dass Gottes Wort, dass das Evangelium sie im Innersten trifft und befreit. Sie erkannten aufgrund der Verkündigung des Paulus: Wir haben Gemeinschaft mit Gott durch Jesus Christus, Anteil an seiner göttlichen Beziehung zum Vater. Sie kamen zum Glauben. Und was war die Folge? Sie wurden zu einem Vorbild für andere. Nicht, weil sie sich moralisch inszeniert hätten. Sondern weil ihre Erleichterung, ihre Freude über diesen befreienden Glauben so ansteckend war, dass man überall davon sprach. Sie haben die Götzen ihrer Zeit links liegen gelassen und sich dem lebendigen Gott zugewandt. – Was sind die Götzen unserer Zeit? Von welchen falschen Göttern müssen wir uns abwenden? Bitten wir Gott um Selbsterkenntnis und um die Gnade der Umkehr!

Das Evangelium, Gottes gutes Wort, macht das Leben nicht komplizierter. Es entlastet uns. Es entrümpelt unsere Seele. Es nimmt uns die Last, uns selbst erlösen und nach Anerkennung betteln zu müssen. Es befreit uns zur Gottes- und Nächstenliebe.

Wenn Sie morgen oder nach dem Nationalfeiertag am Dienstag in die neue Woche starten, in den ganz normalen Wahnsinn aus Terminen, Sorgen und To-Do-Listen, dann nehmen Sie das Doppelgebot nicht als neues, schweres Paket auf Ihre Schultern! Nehmen Sie es als Kompass! Wenn das Leben kompliziert wird, fragen Sie sich nicht: „Erfülle ich gerade alle Erwartungen?" Fragen Sie sich einfach: „Wo kann ich in diesem Moment etwas von der Liebe weitergeben, die mir selbst geschenkt ist?" Wenn wir jetzt wieder Eucharistie feiern, dann feiern wir genau dieses Geschenk, Gottes unbedingte Liebe, wie sie in Jesus auf uns zukommt und uns verwandeln will. Amen.

P. Robert Deinhammer SJ


Bild: Eastman Childs via unsplash.com

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