Sir 27,30-28,7; (Röm 14,7-9); Mt 18,21-35
Liebe Gläubige,
wer setzt eigentlich den Maßstab? Wer bestimmt, mit welchem Maß gemessen wird? Norma-lerweise der Stärkere. Oder, wenn sich die Menschheit zivilisiert, der Staat als neutraler Schlichter – in Österreich das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen. Wie schwer ein Kilo ist, wie lang ein Meter, das wird festgelegt und alle haben sich daran zu halten.
Und wie ist es bei Recht und Gesetz? Auch hier ist es der Staat, der Gesetze macht, festlegt, was erlaubt, was verboten ist, und der eine – hoffentlich – unabhängige Gerichtsbarkeit er-möglicht. In einer Demokratie sollen die Gesetze auch die Zustimmung möglichst vieler ha-ben: das macht sie gerechter und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie eingehalten werden. In einer Demokratie werden die Gesetze nicht von oben herab verordnet, sondern durch die demokratische Willensbildung hervorgebracht.
Ganz anders – so scheint es – in der Beziehung zu Gott, wenn es um Sünde und Schuld geht. Die zehn Gebote sind nicht demokratisch beschlossen, sondern von Gott gegeben worden. Im Falle Gottes scheint es also so zu sein, dass er, der ewige, starke Gott die Gebote gibt und auch entscheidet, was geschieht, wenn wir sie übertreten. Gott setzt den Maßstab, wir haben ihn einzuhalten – Oder?
Die heutigen Lesungstexte drehen den Spieß um und behaupten das Gegenteil. Die Gebote kommen zwar von Gott – daran rütteln diese Texte nicht –, aber was geschieht, wenn sie nicht eingehalten werden, bestimmen in diesen Texten die Menschen. „Wer sich rächt, erfährt Ra-che vom Herrn; seine Sünden behält er gewiss im Gedächtnis. Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben!" (Sir 28,1f.) Da wird das menschliche Verhalten zum Maßstab, ja geradezu zum Modell für das, was Gott tun wird.
Und ganz ähnlich ist es in dem Gleichnis, das Jesus erzählt. Der Diener, dem zuerst seine Schulden erlassen wurden, ist nicht bereit, seinem Kollegen auch nur einen Aufschub zu ge-währen. Daraufhin holt ihn der König zurück und hält ihm vor: „Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbar-men haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?" (Mt 18,32f.) Aber weil der Diener das nicht tat, dreht der Herr nun den Spieß um: Weil der Diener sich nicht ihn zum Vorbild nahm, nimmt sich der Herr den Diener zum Vorbild. Er verhält sich so, wie der Diener sich verhalten hat: „in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt ha-be" (Mt 18,34). Und dann sagt Jesus auch noch, dass es Gott bei uns genauso machen wird.
Und darum beten wir ja auch im Vaterunser: Gott vergebe uns unsere Schuld in dem Maß, wie wir unseren Schuldigern vergeben. Ist das eine gute Nachricht? Einerseits ja, oder? Immer wieder gibt es Menschen, die in der Angst leben, Gott sei ein streng strafender Richter; die sich fürchten vor dem Zorn Gottes, wenn sie auch nur den geringsten Fehltritt tun. Diesen Menschen sagen die heutigen Texte: Du brauchst vor dem Zorn Gottes keine Angst zu haben. Der Zorn Gottes über deine Fehler wird nicht größer sein als dein Zorn über die Fehltritte dei-ner Mitmenschen. Da könnten wir also aufatmen und die Angst vor Gott verlieren, wir selber legen ja den Maßstab fest, nach dem er uns richtet. Ist das eine gute Nachricht?
Das Gleichnis Jesu macht da stutzig. Der Diener war nicht fähig, seinem Kollegen die Schuld zu vergeben, obwohl sein Herr ihm seine Schulden nachgelassen hatte. Noch eindrücklicher wird dieser Befund, wenn man nachrechnet, wie groß die Schuld ist. 10.000 Talente schuldet der eine Diener seinem Herrn, das sind mindestens 192.000 Jahresgehälter! Man kann sich fragen, wie man überhaupt so viele Schulden anhäufen kann. Klar ist, dass man sie nie wird zurückzahlen können. Der andere Diener schuldet seinem Kollegen 100 Denare, das sind 100 Tageslöhne, also etwas mehr als drei Monatsgehälter. Drei Monate versus 192.000 Jahre!
Nun könnte man sagen: Eben, weil klar ist, dass der Diener das nie abbezahlen kann, kann es der Herr auch ohne Verlust erlassen; er hätte ja so und so gleichviel oder gleichwenig. Das entspricht aber nicht unserem Gerechtigkeitsempfinden. Viele von uns würden wohl sagen: Wenn der Diener auch nie alles zurückzahlen können wird, er muss eben so viel zahlen, wie er kann. In die Sklaverei verkaufen geht natürlich heute nicht mehr, aber ein Leben lang abbe-zahlen, das muss er schon. Dass er dadurch letztlich auch ein Leben lang versklavt ist an sei-nen Gläubiger, kann man dabei leicht verdrängen.
Aber das Geld im Gleichnis ist – das ist Ihnen sicher klar – eine Metapher und steht für das menschliche Schuldigsein gegenüber Gott und gegenüber den Mitmenschen. Das Gleichnis sagt also: 1) Die Schuld, die Menschen gegenüber Gott haben, ist von ihnen selbst nicht zu begleichen oder abzutragen. Wir können uns vor Gott nicht entschulden. 2) Das bräuchten wir auch gar nicht, denn Gott ist wie der König im Gleichnis bereit, uns jede Schuld zu vergeben, egal wie groß sie auch sein mag. Die Schuld gegenüber Gott müssen wir nicht begleichen, weil er ein großzügiger, barmherziger Vater ist, und eben kein zorniger, streng strafender Richter. Und 3) Das gilt aber nur, wenn wir mit unseren Mitmenschen ebenso großzügig sind. Ich frage noch einmal: Ist das wirklich eine gute Nachricht?
Wenn wir in die Welt schauen, wieviel Groll und Zorn da ist; wenn wir beobachten, wie Men-schen einander oft nach Jahrzehnten noch Vorwürfe machen; wenn wir mal ehrlich in uns sel-ber hineinschauen, wem wir was noch nachtragen, auch wenn wir uns bemühen, zu vergeben, überkommt uns da nicht der Gedanke, dass das womöglich eine ganz schreckliche Nachricht ist? Eine Nachricht, die uns sagt: Wir haben einen barmherzigen Gott, der bereit wäre uns alles zu vergeben. – Wir lassen ihn aber nicht, weil wir nicht bereit sind, das Unsrige zu vergeben. Wir tun das nicht aus bösem Willen, sondern weil wir wirklich verletzt wurden und weil unse-re Verletzungen oft auch nach Jahren oder Jahrzehnten noch schmerzen. Es ist nicht Unge-rechtigkeit oder Rache, die wir wollen, sondern Gerechtigkeit. Warum soll das denn so schlimm sein?, könnte man fragen. Was wäre wohl die Antwort Jesu?
Jesus hat seine Antwort schon gegeben, als er am Kreuz hing, weil er vom vergebenden Vater gepredigt hatte; als Menschen, die ihn aus Verblendung für einen Gotteslästerer hielten, ihn tö-teten und dabei glaubten, Gott einen Dienst zu erweisen; stattdessen begingen sie die größte Sünde: Sie verurteilten jenen, der null Denare schuldete und der verkündete, dass Gott auch 10.000 Talente vergeben würde. Sie verschuldeten sich dabei um eine Summe, die man nicht in Denaren, Talenten oder sonst was ausdrücken kann. Als das geschah, antwortete Jesus: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" (Lk 23,34)
Dieses Gebet des gekreuzigten Jesus sprengt die Logik der heutigen Lesungen noch einmal. Es erbittet jenen, die sich gegen das Vergeben und für das Verurteilen entschieden hatten, trotzdem die Vergebung. Es zeigt uns, dass Gott sich letztlich nicht unseren Maßstäben an-passt, wenn diese Maßstäbe gegen seine Liebe gerichtet sind. Jesus befreit uns damit komplett aus der Logik des gegenseitigen Aufrechnens und Anrechnens. Der letzte Maßstab wird von Gott festgesetzt und er ist die unendliche Liebe Gottes. Dieser Maßstab ruft uns dazu auf, zu vergeben, soweit wir es können, und sagt dennoch auch: Wo wir es nicht mehr können, über-trifft die göttliche Liebe unsere Hilflosigkeit zur Barmherzigkeit.
Diesen Jesus hat Gott von den Toten auferweckt. Er hat damit bestätigt, dass der Maßstab, den Jesus uns gezeigt hat, wirklich Gottes Maßstab ist. Es ist keine Gotteslästerung zu sagen, dass Gott alles vergibt. Es ist die Offenbarung des wahren Gottes. Damit ist auch die Hoffnung verbunden, dass unsere Verletzungen heilen werden. Auch das, woran wir lebenslang leiden, wird durch die Auferstehung, die uns Jesus geschenkt hat, verwandelt werden wie seine Wundmale – nicht ungeschehen gemacht, aber verwandelt. Hoffen wir auf diese göttliche Lie-be der Vergebung und der Heilung.
Prof. Nikolaus Wandinger
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