Vom rettenden Stimmungswechsel.

Predigt zu Allerheiligen von Prof. Józef Niewiadomski, 1. November 2026

Symbol

Als junger Ministrant ergötzte ich mich - und dies Jahr für Jahr - am Stimmungswechsel an Allerheiligen und Allerseelen. Es war dies am Vormittag das Bild des offenen Himmels: des Himmels, in dem die Heiligen sich der Lust an Gott hingeben und uns, den normalen Christen, die Hoffnung stärken, dass auch wir einst dieser ewigen fruitio, des ewigen Genusses teilhaftig werden. Und warum? Nein! Zuerst nicht deswegen, weil wir irgendjemanden nachahmen. Wohl aber deswegen, weil wir Kinder Gottes sind, deswegen auch einst Gott ähnlich sein werden. Diese Frohbotschaft des heutigen Vormittags müsste den Christen, (sie müsste) den heutzutage an Minderheitskomplexen leidenden Katholiken (sie müsste also uns allen) den Atem stocken lassen. Was verkündete uns die Liturgie in der heutigen Lesung? „Jeder, jeder, der die Hoffnung auf Gott setzt, heiligt sich; er/sie wird auch einst Gott ähnlich werden" (vgl. 1 Joh 3, 3;2). Wenn das nicht der Hammer ist? Liebe Schwestern und Brüder, so wie der kleine Ministrant in Polen in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts dürfen auch wir uns heute uneingeschränkt im Glanz der Heiligen sonnen und von diesem Glanz auch tagtäglich leben. Also hoffen! Wie hat das die Dichterin Hilde Domin ausgedrückt: „Wir essen Brot, aber wir leben vom Glanz."

Und dann im Verlauf des Allerheiligentages der Stimmungswechsel: die Stimmung am Nachmittag am Friedhof oder aber am Allerseelentag: die Erinnerung (oft eine schmerzliche Erinnerung) an die Angehörigen: an Vater und Mutter, an Nachbarn und Freunde, eine Erinnerung, in der Licht und Schatten mir damals ineinander gingen und auch heute weiterhin gehen. Damals in den 60ern noch die melancholischen Requiem-Gesänge, vor allem aber das Bild des Fegfeuers, in dem all die Schatten, all die Folgen menschlichen Versagens derart durchglüht werden, dass die Verstorbenen zu leuchten beginnen. Und dies auch aufgrund unserer Gebete und unserer Taten, vor allem aber aufgrund des offenen Himmels werden ja diese Toten nach und nach den Glanz der Heiligen ihr Eigen nennen.

An den Tagen Allerheiligen und Allerseelen begegnen sich also die drei Welten. Die Welt der Heiligen des Himmels, dann die Welt von uns allen, die wir ja noch zu den Lebenden zählen und hoffen, dass auch wir einst in unserer himmlischen Heimat zu Hause sein werden, schlussendlich aber auch jene Welt der Verstorbenen, die mit einem Ballast von dieser Welt geschieden sind, oft gar von den Menschen verflucht werden – also die Welt der Verstorbenen, die der Versöhnung noch bedürfen: Der Versöhnung mit sich selbst, der Versöhnung mit anderen Menschen und auch der Versöhnung mit Gott. Gott selber hat sich zwar mit allen Menschen versöhnt, weil sein Sohn in seinem Kreuzestod tiefer fiel als der Mensch je in seinem Leben zu fallen vermag (das Glaubensbekenntnis der alten Kirche sprach davon, dass der tote Sohn in die Hölle abgestiegen ist). Jesus fiel tief, damit die Gefallenen von ihm aufgefangen werden. Aber: weil diese seine Versöhnungstat von den Unversöhnten angenommen werden muss, dürfen auch wir durch unser Gebet und unser stellvertretendes Tun etwas Beilhilfe dazu leisten.

Liebe Schwestern und Brüder, Himmel, Erde, Fegefeuer, oder gar Hölle: Die Grenzen, die wir alle tagtäglich zwischen den Guten und den weniger Guten errichten, aber auch die Grenzen zwischen Lebenden und Toten bleiben in diesen Novembertagen im Bewusstsein der Kirche aufgehoben. Deswegen – und nur deswegen – ist der Gräberbesuch nichts anderes als der wohl stärkste Ausdruck unserer Hoffnung: Hoffnung, dass wir uns alle im Himmel wiedersehen werden.

Eine derart lebendige Hoffnung, eine Hoffnung, die einst sowohl in polnischen wie auch in Tiroler Dörfern und Städten selbstverständlich gelebt und bezeugt wurde, stellte keinen billigen Trost einer durch Mangel und Armut gekennzeichneten Kultur dar. Sie war keineswegs so etwas wie das marxistische Opium des Volkes, das dem Volk zum Vergessen des Alltags verhelfen sollte, des Opiums, das nun dank des allgegenwärtigen Wohlstands durch den Konsum problemlos ersetzt werden kann. Ganz im Gegenteil! Das Brot, unser tägliches Brot, mag zwar den Schein des Luxus ausstrahlen, doch: wenn wir dieses Brot auch tagtäglich essen, von seinem Glanz vermögen wir kaum zu leben. Denn dieser Glanz ist überschattet durch den enormen Preis, den wir zahlen: den Preis einer gnadenlosen Konkurrenz, den Preis des uns alle plagenden Stresses, den Preis des immer tiefer werdenden Bruches zwischen den Generationen, damit auch den Preis der zunehmenden Einsamkeit der alten und gebrechlichen Menschen. Den Preis, der unseren Alltag zum Fegfeuer verwandelt, für viele gar zu einer Hölle. Und der Glanz von dem wir leben? Unser transzendenzarmer Alltag, der Alltag, über dem das Verhängnis eines geschlossenen Himmels hängt, ist vom Ressentiment und Hass, vom Neid und oft auch der blanken Angst derart schwanger, dass uns das alltägliche Wohlergehen, dieses bisschen Glück, das wir in unseren Tagen erleben, (das uns) paradoxerweise zum sprichwörtlichen Opium verkommt, zum Opium, das uns die Tragödie des verschlossenen Himmels zu vergessen hilft.

Liebe Schwestern und Brüder,
Unsere Kultur hat den Blick in den offenen Himmel verlernt, deswegen schließt sie sich immer mehr in ihrem eigenen Grab ab, wird gar als Ganze zu einem Friedhof, einem Friedhof, der keine Hoffnung auszustrahlen vermag, weil er zur Endstation dekretiert wurde. Was bleibt ist höchstens der Folklorewert.

Umso mehr sind wir Christen glücklich zu preisen: gerade an solchen Tagen wie Allerheiligen und Allerseelen. Wir sind – gemäß dem Evangelium – glücklich zu preisen, und dies nicht, weil wir moralisch besser sind als andere. Nein: wir sind glücklich zu preisen, weil wir hoffen dürfen. Weil uns die Hoffnung auf das Leben durch den Tod hindurch geschenkt wurde, eine Hoffnung, die uns alle heiligt, uns also empfänglich macht für jene Gnade, die uns alle – alle – nach unserem Tod Gott ähnlich machen wird. Das und genau das glauben wir! Wir glauben es, auch oder gerade dann, wenn man diesen Glauben schmäht, oder nur banalisiert. Wir glauben es, weil andere nicht glauben. Und wir beten auch, weil andere nicht beten. Und so tragen wir dazu bei, dass diese unsere – transzendenzarme – Kultur das Ganze zumindest ahnt. Wir Christen sind so etwas unseren transzendenzarmen Mitmenschen schuldig. Wir sollen nicht jammern und auch nicht Ängste potenzieren, wie dies die schlechte Höllenpredigt einst tat. Wir sollen leben, authentisch leben vom Glanz des Heiligen und so das Verhängnis des verschlossenen Himmels beseitigen. Weil uns allen der Himmel offensteht, weil Friedhof für uns keine Endstation ist, weil auch der Trauerraum in dieser Kirche ein Raum der Hoffnung ist, weil wir schlicht und einfach Christen sind, essen wir zwar – wie alle Zeitgenossen – Brot. Wir leben aber vom Glanz!

 

 

Prof. Józef Niewiadomski


Bild: Jesse Zhou via unsplash.com

 

 

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