Wider die schlimmste Versuchung

Predigt zum Nachlesen von Prof. Nikolaus Wandinger, 26. Feber 2023

Symbol

Lesungen: Gen 2,7–9; 3,1–7; (Röm 5,12–19); Mt 4,1–11

Liebe Gläubige,
die heutigen Lesungen erzählen uns zwei Versuchungsgeschichten: eine, bei der die Menschen der Versuchung erliegen; und eine, bei der sich der Mensch der Versuchung erfolgreich widersetzt. Ich möchte mich in meinem Nachdenken auf Letztere konzentrieren, weil ich diese ganz außergewöhnlich spannend finde.

Zunächst einmal ist ja überraschend, dass Jesus überhaupt in Versuchung geführt werden kann – er, der Sohn Gottes. Doch drei Evangelien berichten davon und im Hebräerbrief heißt es sogar, dass Jesus „in allem wie wir versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat" (Hebr 4,15). Dann ist erstaunlich, dass die Versuchung Jesu gerade an Jesu „Sohn-Gottes-Sein" anknüpft, aber genau so ist es. Jesus wurde gleich nach seiner Taufe vom Heiligen Geist in die Wüste geführt, um dort seine Sendung als Sohn Gottes zu meditieren und zu entwerfen. Gerade dabei mischt sich der Teufel ein und möchte Jesus in die Irre führen.

Matthäus erzählt von drei Versuchungen, die Jesus dadurch abwehrt, dass er sich auf ein Wort Gottes beruft. Die Versuchungen sind dabei sehr verschieden. Man möchte meinen, die letzte Versuchung sei diejenige, die man am leichtesten durchschauen kann. Wenn ich weiß, dass jemand der Teufel ist, und dieser jemand mich auffordert ihn anzubeten, dann wäre ich ja schön dumm, darauf hereinzufallen – so könnte man denken. Und doch lassen sich immer wieder Menschen von dem teuflischen Angebot blenden, alle Reiche der Welt – oder zumindest ein Reich – zu erobern. Die Versuchung wäre durchschaubar, aber sie ist auch sehr verlockend und der Teufel auch ein Meister der Tarnung. Allerdings nicht für Jesus. Er durchschaut ihn und weiß, dass sein eigenes Reich nicht von dieser Welt ist.

Da sieht es mit der ersten Versuchung vielleicht schon anders aus: Nach vierzig Tagen fasten die Macht, die man als Sohn Gottes hat, nutzen, um sich zu sättigen – Warum nicht? Später wird Jesus Brot und Fisch vermehren für die Menschen, warum nicht am Anfang Brot für sich aus Steinen machen? Was kann daran schon falsch sein? Und doch steigt Jesus nicht darauf ein.

Wenn man sich etwas versagt, wenn man fastet oder verzichtet, besteht die Gefahr, dass man ständig an dasjenige denkt, das man sich versagt. Es nimmt den zentralen Platz im Denken und Fantasieren ein. Durch den scheinbar so unschuldigen Vorschlag rückt der Teufel das Essenwollen ins Zentrum der Gedanken Jesu. Schau, ist doch so einfach: Verwandle die Steine – nicht in ein Luxusmenü – nur in Brot, ganz bescheiden. Die Gefahr dabei ist, dass der Gedanke daran alle anderen Gedanken aus dem Sinn schiebt. Das kontert Jesus mit der Erkenntnis: Brot ist nicht das einzige, was wir zum Leben brauchen; nicht einmal das Luxusmenü wird uns auf Dauer glücklich machen. Wir leben von „jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt". Doch wenn wir uns auf Brot – oder auf irgendetwas Endliches – fixieren, überhören wir viele Worte aus Gottes Mund. Jesus durchschaut die Gefahr und bannt sie dadurch.

Die zweite Versuchung halte ich allerdings für die raffinierteste und schwierigste. Der Teufel zitiert nun selbst ein Gotteswort, den Psalm 91. Dieser Psalm – übrigens wunderbar vertont von Felix Mendelssohn-Bartholdy – wurde so gedeutet, dass dort beschrieben wird, wie Gott seinen Gesalbten schützt. Es heißt da u.a.:

„3 [...]Er rettet dich aus der Schlinge des Jägers und aus der Pest des Verderbens. 4 [...] Schild und Schutz ist seine Treue. [...] 7 Fallen auch tausend an deiner Seite, / dir zur Rechten zehnmal tausend, so wird es dich nicht treffen. [...] 10 Dir begegnet kein Unheil, deinem Zelt naht keine Plage. 11 Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. 12 Sie tragen dich auf Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt; [...] 14 Weil er an mir hängt, will ich ihn retten. Ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen. 15 Ruft er zu mir, gebe ich ihm Antwort. / In der Bedrängnis bin ich bei ihm, ich reiße ihn heraus und bringe ihn zu Ehren. 16 Ich sättige ihn mit langem Leben, mein Heil lasse ich ihn schauen."

Konnte sich Jesus als Sohn Gottes darauf nicht verlassen und sich getrost vom Tempel stürzen? Wiederum durchschaut er die Raffinesse der Versuchung: Sich auf den Schutz Gottes verlassen, wenn man selber alles Vernünftige tut, um sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen, ist eine Sache. Sich aber leichtfertig in Gefahr zu begeben in der vermessenen Annahme, Gott wird mir schon helfen, ist etwas anderes. Es läuft darauf hinaus, Gott zu testen, ihn auf die Probe zu stellen, nach dem Motto: Hilft er mir, dann glaube ich an ihn, dann weiß ich, er ist auf meiner Seite; hilft er mir nicht, ist er mein Gegner oder untreu. Jesus weist diesen Lackmustest für Gottes Treue zurück.

Und doch gibt es da für uns noch ein großes Problem: Am Ende seines Lebens geriet doch Jesus in große Bedrängnis; sein Fuß stieß nicht nur an einen Stein, sondern seine Füße und Hände wurden von Nägeln durchbohrt und ans Kreuz geschlagen; es traf genau ihn, wenn auch nicht die Zwölf an seiner Seite; ihm begegnete großes Unheil, und von Engeln, die ihn schützten, war weit und breit nichts zu sehen. Als er am Kreuz rief, bekam er keine Antwort, sondern fühlte sich von Gott verlassen; niemand riss ihn heraus, sondern er starb als ehrloser Verbrecher am Kreuz.

Liebe Gläubige,
was sollen wir davon halten? Geraten da nicht wir in Versuchung, an Gott zu zweifeln? Kann man sich auf die Zusage eines Gottes verlassen, der seinen eigenen Sohn so im Stich lässt? Oder haben doch eher die recht, die uns erklären, dass es diesen Gott gar nicht gibt? Ist er nur eine schöne Fantasie, die sich bei realistischem Blick in Luft auflöst?

In der Tat, denke ich, wir müssen die Zusagen Gottes für unseren Schutz aufgrund der Kreuzeserfahrung Jesu anders verstehen. Es wird immer wieder geschehen, dass uns schlimme Dinge begegnen oder wir sie gar selbst erleiden: Kriegsgräuel, schreckliche Katastrophen wie Erdbeben, eine schwere Erkrankung, ein fürchterlicher Unfall, der viel zu frühe Tod eines lieben Menschen. Und immer wieder wird sich die Frage melden: Warum lässt Gott das zu? Oder gibt es ihn vielleicht gar nicht? Und wir werden keine eindeutige Antwort auf diese Fragen finden, auch wir auf der theologischen Fakultät nicht. Vielmehr müssen wir zur Kenntnis nehmen: Nicht einmal Jesus blieb das erspart. Was sind dann aber die Zusagen des Psalm 91 wert?

Ich denke, wir können der Versuchung, hier an Gott irre zu werden, nur widerstehen, wenn wir auf Jesus in seinem Leiden und in seiner Auferstehung schauen. In seinem Leiden hat er sein Gefühl der Gottverlassenheit nicht verleugnet oder verschwiegen, sondern es hinausgerufen. Das heißt: Selbst in der schlimmsten Situation hat er das Gespräch mit Gott aufrecht erhalten. Unser Gebet, unser Gespräch mit Gott, darf klagen, ja sogar Gott anklagen, wie es so viele Psalmbeter und sogar Jesus getan haben, weil wir dadurch das Gespräch mit Gott nicht aufgeben. Was ein solches Gebet jeweils bewirkt, lässt sich nicht vorhersehen. Wird mich Gott doch erretten – es gibt ja Fälle wundersamer Errettung – oder wird er mir – wie Jesus – die Kraft geben, die Situation durchzustehen, auch wenn sie sich nicht bessert? Oder wird es bei dem Gefühl, er habe mich verlassen, bleiben?

Am Ende des 91. Psalms heißt es: „Ich reiße ihn heraus und bringe ihn zu Ehren. Ich sättige ihn mit langem Leben, mein Heil lasse ich ihn schauen." Gott hat Jesus nicht vor Leiden und Tod bewahrt, aber er hat ihn dann dem Tod entrissen zu ewigem Leben, hat ihn wieder zu Ehren gebracht und ihm Heil geschenkt, weil Jesus sich nicht von Gott trennen ließ – weder durch die Versuchungen des Teufels noch durch Leiden und Tod.

Darauf zielen letztlich alle Zusagen des Psalms, zielt das Treueversprechen Gottes ab: Was auch immer geschieht, wie schlimm es auch wird, ich bleibe bei dir, ich stehe zu dir, ich führe dich durch alles hindurch zum Heil, wenn du mir nur vertraust. Lassen wir uns dieses Vertrauen nicht nehmen – sogar dann nicht, wenn wir – anders als Jesus – allen möglichen Versuchungen erliegen und sündigen. Widerstehen wir dieser einen schlimmsten Versuchung: der Versuchung zu meinen, Gott lasse uns fallen. Das tut er auch dann nicht.

 

Prof. Nikolaus Wandinger


Bild: Wesual Click via unsplash.com

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